Freitag, 15. Oktober 2010

Reportage: Koi - schwimmende Juwelen

An diesem Wochenende bringt die "Welt am Sonntag" meine Reportage über japanische Zierkarpfen, die Nishikigoi (oft auch nur Koi genannt). 
Der teuersten Exemplare sollen bereits für 60 Millionen Yen, also über 500.000 Euro, den Besitzer gewechselt haben. 
Der Bericht beruht auf einem Besuch der Züchter im Mekka der Koi-Industrie, in Ojiya und Yamakoshi, zwei Nachbardörfern in der Präfektur Niigata, sowie weiteren Interviews mit absoluten Koi-Insidern in Tokio.
Ein Koi-Fan fasste die Faszination der Fische prägnant zusammen: "Koi sind eine lebende Kunstform."
Es stimmt. Doch dem ist noch einiges hinzuzufügen. 

Roboter: Interview mit iRobot-Chef Colin Angle - "Mensch wird zum Cyberwesen"

iRobot ist der vielleicht größte Hersteller von Servicerobotern der Welt. Berühmt ist das Unternehmen für den Roboterstaubsauger Roomba. Warum seine Firma nicht nur Haushaltshelfer, sondern auch Kampfroboter baut und wie wir immer mehr Technik in uns einbauen werden, erzählte iRobot-Chef Colin Angle in Tokio. 
Das Ergebnis wurde in der österreichischen Tageszeitung Der Standard veröffentlicht. Mehr hier :.. .


Angle hat noch jede Menge mehr erzählt. Besonders interessant fand ich seinen Ärger über humanoide Roboter, auf die Japans Forscher so versessen sind. Der Fokus auf Humanoide habe die Roboterentwicklung 15 Jahren kostet, schimpfte Angle. 
Ich kann es nachvollziehen. Und die japanischen Unternehmen endlich auch. Panasonics Roboter sehen aus wie Klimaanlagen, Betten oder Schränke (zum Medizin sortieren im Krankenhaus). Zu Panasonics Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Konzern meines Wissen nicht einen Yen in die Entwicklung von humanoiden Robotern gesteckt hat, weil das Management für die momentan kein Potenzial sieht. 
Doch selbst der Roboterpionier Honda lässt nicht mehr nur seinen Zweibeiner Asimo schaulaufen, sondern hat vor einiger Zeit ein Robotereinrad vorgestellt, das seinen "Besitzer" ausbalanciert und dank omnidirektionalem Rad in alle Richtungen transportieren kann.
Wer noch mal meine persönliche Roboter-Timeline lesen möchte (Das Roboter-Manifest), klicke bitte hier... .

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Tech-Blog: Leben mit Beben

In meinem heutigen Tech-Blog auf Technology Review setze ich mich mit der Erdbeben-Propaganda und dem Umgang mit der ständigen Erdbebengefahr auseinander. 


Erdbeben-Propaganda: Japans Gebäude sind so erdbebensicher wie die Häuser in keinem anderen Land der Welt. Doch statt uns Tokioter zu beruhigen, werden wir immer wieder an die Gefahr eines Mega-Bebens erinnert.
mehr hier ...


Ich berichte dort auch ein wenig über die immer wieder von mir gern zitierten amtlichen Horrorszenarien eines starken Bebens in Tokio, die aber noch immer schön gerechnet sind. Denn sie basieren nur auf einer Stärke von 7,3 auf der Richter-Skala. Das große Kanto-Beben war hingegen ein Rumser der Klasse 8. 


Offiziell hieß die Begründung damals, dass Klasse-8-Beben nur alle 200 bis 300 Jahre Tokio treffen würden und als nächstes nur ein Beben der 7er-Klasse drohte. Aber inoffiziell habe ich auch eine andere Begründung gehört, die ich im Blog schildere.


Ganz oben auf meiner Prioritätenliste der Erdbebenvorbeugung übrigens steht: das tägliche Gebet, wenn das Mega-Beben kommt, ganz weit weg zu sein.

Technik: Nissan und Mitsubishi mit eAuto-Vorstoß, Toyotas Rückrufdebakel, Sony mit PS3-Problemen




eAuto: Nissan und Mitsubishi drücken bei eAutos aufs "Gas"

Nissan und der ehemalige Daimler-Partner Mitsubishi Motor drängen verstärkt in die Nische für eAutos. Nissan- und Renault-Chef Carlos Ghosn kündete in China an, seinem chinesischen Joint-Venture-Partner unbegrenzten Zugang zu Nissans eAuto-Technik zu gewähren. 


Und Mitsubishi nimmt nach dem Produktionstart von eAutos für Privatkunden, die auch an Peugeout und Citroen geliefert werden, nun Geschäftskunden aufs Korn. Ab Ende 2011 will das Unternehmen die Massenproduktion von elektrischen Minilastern starten, sagte heute Unternehmenschef Osamu Masuko. Als erstes Ziel peilt das Unternehmen eine Jahresproduktion von 10000 Autos an.
Die Vorstöße der beiden Pioniere unterstreichen wie ernst es die beiden Unternehmen eAutos nehmen. Es ist ein gewagtes Spiel. Besonders bei Mitsubishi hängt das Überleben des Unternehmens von einem Erfolg seiner eAutos ab. 



Toyotas Rückrufdebakel: Zulieferer schlampten bei Materialprüfungen
Nach Toyotas internen Untersuchungen haben einige Zulieferer nicht die von Toyota erwarteten Testzyklen für Produkte eingehalten. Statt vier mal pro Jahr wurde in einigen Fällen nur einmal getestet. Es habe Missverständnisse gegeben, verriet ein Toyota-Manager Medien. Probleme hätten vielleicht vermieden werden können. 



Sonys Videospiel Gran Tourismo 5 soll sich verzögern
Dies meldet wenigstens Bloomberg. Das Spiel gilt als Blockbuster mit dem Potenzial, die Verkäufe der PS3 zu beflügeln. Allerdings sagt Sony, dass das Gerät noch vor Weihnachten herauskommen soll.

Wirtschaft: Dollar durchbricht die 82-Yen-Grenze

Der US-Dollar ist heute auf 81,14 Yen abgesackt. Der historische Tiefstand von 79,75 Yen aus dem Jahr 1995 ist damit in greifbare Nähe gerückt. Doch bisher bleibt eine zweite Devisenintervention des japanischen Finanzministeriums aus. Sie würde isoliert auch nicht viel bringen, sagen die Experten.

Japans Exportunternehmen sehen damit schweren Zeiten entgegen. Denn sie haben ihre Geschäftspläne auf einem weit schwächeren Yen-Kurs aufgebaut. In vielen Fällen rechnen sich zum jetzigen Kurs Exporte sogar nicht mehr. 

Wie blank die Nerven liegen hat gestern Finanzminister Yoshihiko Noda demonstriert. Offen attackierte er die Weichwährungspolitik Chinas und neuerdings auch Südkoreas. Die südkoreanische Regierung reagierte empört und beschwerte sich heute. Doch gleichzeitig hob die Notenbank zum dritten Monat in Folge die Zinsen nicht an, wodurch der Aufwärtungsdruck auf die Landeswährung, den Won, abnimmt. 

Japans Firmen klagen, dass sie durch den hohen Yen zu einer Verlagerung von Fabriken gezwungen werden würden. Aber ehrlich gesagt ist das nur die halbe Wahrheit. Sie bauen schon seit Jahren vernünftigerweise neue Fabriken und neuerdings sogar Forschungszentren fast nur noch im Ausland auf. Dort ist das Wachstum. Mit Japan geht es hingegen tendenziell bergab, der alternden Gesellschaft und Verschuldung sei dank. Ein schwächerer Yen würde den Trend nur verlangsamen, nicht stoppen. 

Was Japan braucht, sind Reformen der politischen und wirtschaftlichen Strukturen sowie des Denkens seiner Bürger und Unternehmen. Bis heute sind selbst Großkonzerne kaum internationalisiert. 


Mittwoch, 13. Oktober 2010

Nordkorea: Kim gegen Kim

China stellt sich vor ältesten Kim-Sohn

Nach Medienberichten soll China Nordkorea vor Angriffen auf Kim Jong-ils ältesten Sohn Jong-nam gewarnt haben, der derzeit in China lebt. Nordkoreas Thronfolger Jong-un wollte demnach versuchen, seinem medienaflilen und redseligen Halbbruder das Maul zu stopfen. 

Ein nettes Gerücht. Und es passt wunderbar zu Jong-nams jüngstem Interview mit einem japanischen TV-Sender, in der er sich offen gegen eine dynastische Thronfolge aussprach.


Ein Artikelchen zu dem Interview steht heute in der FTD. 


Es ist nicht der erste Ausfall von Jong-nam. Der Lebemann der Familie hatte seinem Vater bereits die Erbfolge verhagelt. 2001 wurde in Japan 2001 verhaftet, als er mit gefälschten Pässen nach Japan einzureisen versuchte. Kim wollte mit seiner Familie Disney-Land besuchen. Damit war er als potenzieller Nachfolger weg vom Fenster.


Gut für uns Journalisten. Ironisch gesehen können wir uns keinen jovialeren Diktatorsohn als Jong-nam wünschen. Er lehnt zwar generell freundlich Interview-Anfragen per Email ab. Dafür lässt sich der pausbäckige 39-jährige im Ausland um so bereitwilliger ad hoc von Reportern auf der Straße interviewen, besonders wenn er dabei in japanische TV-Fernsehkameras lachen kann.


Kim gegen Kim 


Kim Jong-ils ältester Sohn lehnt die Erbfolge in Nordkorea ab, grundsätzlich zumindest



Auch ein Nordkoreaner kann eine eigene Meinung vertreten. Jedenfalls dann, wenn er der Sohn des Diktators Kim Jong-il ist und sich darüber ärgert, ausgebootet worden zu sein.
Der älteste Spross des Herrschers, Kim Jong-nam, kritisierte erstmals offen und unverblümt die Erbfolge in der herrschenden Familie: „Persönlich bin ich gegen eine dynastische Thronfolge in der dritten Generation“, sagte er dem japanischen Privatsender TV Asahi in einem bereits am 9. Oktober aufgezeichneten Interview. Aber so richtig dagegen ist er dann auch wieder nicht, denn er fügt hinzu: „Ich denke, es gab interne Gründe. Ich denke, wir sollten daran festhalten, wenn interne Gründe involviert waren.“
Das Interview gab der Sohn pünktlich zu dem Zeitpunkt, als der Vater seinen jüngeren Halbbruder Kim Jong-un als Nachfolger in Position brachte. Vergangenes Wochenende ernannte er ihn zum General und führte ihn auf seiner erste Militärparade, die live in Nordkoreas TV übertragen wurde, der Öffentlichkeit vor.
Gegen die Erbfolge dürfte Kim Jong-nam vor allem deshalb sein, weil er selbst in Ungnade gefallen ist. Er wurde als Thronfolger abgesetzt, nachdem er sich 2001 dabei erwischen ließ, wie er mit einem gefälschten Pass nach Japan einreiste. Er wollte mit seiner Familie Disneyland anschauen – eine für einen Kommunistenspross unziemliche Freizeitbeschäftigung.
Nach dem tiefen Fall sonnt sich Kim Jung-nam umso mehr im Scheinwerferlicht. 2009 widersprach er in einem Interview mit TV Tokyo aus der Kasinostadt Macao Medienberichten, er sei aus Nordkorea nach China ins Exil geflohen. Er genoss den Auftritt sichtlich und lachte jovial in die Kamera.
Kim Jong-nam kam 1971 als das uneheliche Kind von Kim Senior mit der Schauspielerin Song Hye-rim auf die Welt. Erst spät bekannte sich sein Vater zu ihm. Lange wurde der als IT-Experte verschriene Spross der Diktatorenfamilie, der sich gern modisch kleidet, als möglicher Nachfolger gehandelt. Doch seit dem missglückten Japan-Ausflug ist er nicht mehr Papas Liebling. Kim, der Jüngere, musste nun zum Diktator aufgebaut werden. Der Vater ist Gerüchten zufolge krank.
Aber Kim Jong-nams Reise- und Redelust hat die Abwertung nicht gebremst. Innenpolitisch dürfte sein Geplapper deshalb nicht mehr so entscheidend sein. De facto lebt er in Peking und Macao. Allerdings beweist sein Beispiel eines: Die Führung in Nordkorea ist nicht aus einem Guss. Auch dort wird diskutiert.

Wirtschaft: Überraschung - Auftragseingänge explodieren

Die überraschende Erholung der Auftragseingänge für Maschinen lindert Japans Rezessionsängste. Die Regierung und Volkswirte verbesserten ihre Konjunkturbewertung leicht, nachdem die Order im August um 11,2 Prozent über das Niveau vom Juli gestiegen sind. Ökonomen hatten erwartet, dass die Order um 3,9 Prozent sinken würden. Die Wirtschaft würde nun wahrscheinlich nicht mehr in die Rezession zurückfallen, sondern bis ins nächste Jahr im leicht positiven Bereich dahin dümpeln, sagen Volkswirte voraus.
Ein großes Risiko ist allerdings der Yen-Kurs. Zwar deuten die Zahlen daraufhin, dass Japans Firmen ihre Anlageinvestitionen erhöhen, um alte Anlagen zu ersetzen. Aber schon im August sanken die Bestellungen aus dem Ausland. Denn Japans Exportindustrie verliert durch den Höhenflug des Yen gegenüber ihren Rivalen aus Südkorea und Europa, deren Währungen schwach tendieren, an Wettbewerbsfähigkeit.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Wirtschaft: Konsumenten vergeht die Kauflust

Während Deutschland offenbar im Stimmungshoch schwelgt, ist hier in Japan von Aufschwungseuphorie nicht mehr allzu viel zu spüren. 



Das Verbrauchervertrauen, ein wichtiger Indikator für die Konsumbereitschaft, ist im August zum dritten Mal auf nun mehr 41,2 Punkte gefallen. Ein Wert unter 50 bedeutet, dass sich die Stimmung der Mehrheit aller Befragten verschlechtert hat.

Ich kann es gut verstehen. Denn nicht nur liegt die Arbeitslosenrate noch über 5 Prozent. Vor allem ist das Leben derzeit selbst für Japaner richtig teuer geworden, auch wenn offiziell Deflation, also fallende Preise, gemeldet werden. Das Problem: Die Deflationsrate wird ohne leicht verderbliche Lebensmittel berechnet. Und Obst wie Gemüse rangieren meinem Eindruck nach 25 bis 200 Prozent über den Preisen vom Vorjahr. 

Ein Viertel Weisskohl gibt es für umgerechnet 1,10 bis 1,40 Euro. Tomaten, zwei mittelgroße, habe ich heute für 398 Yen, also 3,60 Euro gesehen. 300 Yen pro Pfirsich scheint dieses Jahr normal zu sein. Zum Glück werden einige Preise wieder normaler. 

Dahinter steckt wohl eine schlechte Ernte. Doch auch nach einer Normalisierung der Obst- und Gemüsepreise halten Ökonomen eine deutliche Verbesserung für unwahrscheinlich. Denn die Regierung hat weder auslaufende Subventionen für den Kauf von Benzin sparenden Autos und energieeffizienten TVs und Haushaltsgeräten nicht verlängert hat, noch in ihrem geplanten 5000 Mrd. Yen teuren Konjunkturprogramm große Geldgeschenke an die Japaner eingestellt. 

Die Folgen der Stimmungsverschlechterung schlagen bereits deutlich in der Binnenwirtschaft durch. So sackte die am vorigen Freitag veröffentlichte „Economy Watchers Survey“, die Lagebeurteilung durch Taxi-Fahrer, Wirte und Krämer, im September zum zweiten Mal in Folge recht stark um 3,9 Punkte auf nur noch 41,2 Punkte ab. Was Wunder.

Damit droht Japans Erholung in der zweiten Jahreshälfte abzuebben. Denn der Exportindustrie, die bisher Japans Wachstum angetrieben hat, erwartet wegen der fortgesetzten Höhenflug des Yen gegenüber dem US-Dollar bereits eine schwere Eintrübung ihres Geschäfts. Selbst die Wirkung der größten Währungsintervention der Geschichte vor drei Wochen ist bereits verpufft. Heute stieg der Yen auf einen neues 15-Jahreshoch.

Auch von der Geldpolitik ist kurzfristig keine Hilfe zu erwarten. Die Bank von Japan hat zwar kürzlich die Zinsen auf Null gesenkt und die Geldpolitik durch die Auflage eines Fonds zum Kauf von Wertpapieren weiter gelockert. Aber geldpolitische Maßnahmen benötigen Monate, um in die Wirtschaft zu sickern. Und zu allem Überfluss ist das Konjunkturprogramm der Regierung noch nicht verabschiedet. Ministerpräsident Naoto Kan muss es noch von der Regierung durch das von der Opposition beherrschte Oberhaus lavieren. Mal sehen, wann der Yen wieder rollt. 

Sonntag, 10. Oktober 2010

Das Roboter-Manifest, Teil 2: Googles Roboter-Auto und meine Roboter-Timeline

Übers Wochenende haben sich die Meldungen über Roboter-Autos überschlagen. Erst steuert "Leonie" durch Braunschweig, dann das Google-Roboterauto durch Kalifornien
In dem Bild-Artikel geht der Forscher Sebastian Thrun davon aus, dass richtige "Automobile", also wirklich selbst fahrende Wagen, in den kommenden acht Jahren fertig entwickelt werden könnten. 

In meinem Roboter-Manifest auf Technology Review habe ich bereits im Mai eine ähnliche Vorhersage gemacht (die allerdings von den Redakteuren etwas gekürzt wurde.
Hier ist sie in voller Länge:

Das Roboter-Manifest 
2010 Medizinsortierroboter etc werden für Krankenhäuser eingeführt, der Verkauf von Cyberdynes Roboteranzug HAL beginnt ernsthaft. Und Daimler lässt einige fahrerischen Testroutinen seiner Luxuslimousinen durch Roboterfahrer ausführen.

2011 Tokyo Motor Show. Japans Hersteller werden mit einer Reihe marktreifer Mobilitätskonzepte zu überraschen versuchen, die auf Robotertechniken basieren. 
Kleine Ein-Personen-Renner wie Toyotas rasender Sessel ("i-Real") zum Beispiel, der auf Zuruf herbeikommen und beim Ausflug neben anderen Personen herfahren kann. Außerdem: autonome Rollstühle. 
Damit zeichnet sich ab, was sich Ende des Jahrzehnts bestätigen wird: Aus naheliegenden Gründen wird die Autoindustrie neben Fabriken und Pflegeeinrichtungen zur treibenden Kraft der Roboterisierung. 
Die Hersteller haben in den vergangenen 20 Jahren schon so viele Sensoren zur Wahrnehmung der Umwelt in Autos eingebaut, dass der Schritt zum wahren Automobil, dem Auto mit Roboterchauffeur, zwangsläufig ist. Außerdem rücken die ersten Roboter in der Industrie aus ihren Käfigen neben den Menschen ans Fließband oder die Werkbank vor. Noch beliebter ist allerdings die Ausstattung von Werkzeugen/Maschinen mit Robotertechniken.

2012 ist der Meilenstein für Partner- und Pflegeroboter. 
Die Industrie hat sich auf Sicherheitsstandards und versicherungstechnische Regeln für den Einsatz autonomer und halbautonomer Roboter unter Menschen geeinigt. Und prompt kommen die ersten Pflegeroboter in größeren Stückzahlen auf den Markt. Panasonics Roboterbett zum Beispiel, das sich von einem Bett in einen Rollstuhl verwandeln kann und so bettlägerigen Menschen eigenständige Mobilität erlaubt, wird mit unter 10.000 Dollar im Vergleich zu anderen Hightech-Krankenhausbetten gar nicht mal so teuer sein.

Außerdem: Das japanische Forschungsinstitut Riken stellt eine Weiterentwicklung seiner Gedankensteuerung von Rollstühlen vor. Die Fahrer müssen keine Haube mit zahlreichen Kontaktkabeln mehr tragen, eine fesche Baseballkappe mit wenigen Sensoren reicht. Damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die Mensch-Maschine-Kommunikation. "In fünf Jahren werden wir die Sensoren im Brillenbügel unterbringen können", verspricht ein Forscher.

Bis 2013 dürfte die Roboterindustrie eine wahre Partnerroboterexplosion erleben. Denn durch jahrelange kollektive Forschung auf offenen Entwicklungsplattformen haben die notwendigen Sensor- und Mapping-Techniken endlich ein kommerzielles Niveau erreicht. Diese Form der simplen Helfer ist beliebt, weil Patienten dann für einfache Handreichungen nicht mehr das Pflegepersonal rufen müssen. Merke: Menschen wollen anderen nicht zur Last fallen.

Als Hitprodukte können sich jedoch zwei eher spielerische Anwendungen herausstellen. Da sind zum einen Stofftiere wie Fujitsus freundliche Roboter, denen für komplexe Aufgaben wie Sprach- und Gesichtserkennung durch die schnurlose Verbindung zum Internet die Rechenpower großer Server zur Verfügung steht. Sie sind besonders beliebt bei Kindern und Senioren als Kommunikations- und Vorleseroboter.

Zum anderen bringen Spielzeughersteller halbautonome Roboter auf den Markt, die sich über die Full-Body-Steuerung von Spielekonsolen steuern lassen. Besonders beliebt in Japan könnten dann Wettkämpfe zwischen 50 Zentimetern hohen Gundam-Robotern werden. Ein (koreanischer) Hersteller wird das Spektrum zusätzlich mit der Idee erweitern, über das Internet in weit entfernte rollende Roboter zu "schlüpfen", ohne körperlich vor Ort zu sein.

Der Partyhit 2014: telekontrollierte Roboterhände, die an einer rollbaren Säule angebracht sind. Laut der Werbung sollen die noch recht plumpen und teuren Hände getrennten Liebhabern zum Fernstreicheln dienen. In der Realität werden sie allerdings häufiger in Restaurants und auf Partys als Stimmungskanonen eingesetzt, mit der Gäste andere Gäste mehr oder weniger unsittlich betatschen können. Komischerweise finden die Leute dies weitaus lustiger als Berührungen durch eine richtige Hand. 

Außerdem möglich: Cyborgs! Roboterprothesen kommen immer mehr in Mode, nachdem Cyberdine nicht nur anschnallbare Exoskelette für Beine und Arme entwickelt hat, sondern auch richtigen Bein- und Handersatz. Die Patienten mögen die Prothesen, da sie auf nichtinvasiver Technik beruhen. Sie können Bewegungsintention ihrer Träger über die Haut ablesen und benötigen daher keinen operativen Eingriff.

Für 2015 sage ich auf der Tokyo Motorshow erste Vorschläge für wahre Automobile voraus – kleine Elektroautos mit Roboterchauffeur. Die Idee ist, sie als einfach abrufbare Taxis im Straßenverkehr einzusetzen. Zwei Methoden sind heute schon im Gespräch: einmal das vollautonome Auto, das ohne menschlichen Fahrer auskommt, zum anderen die halbautonome Droschke, die selbsttätig zum Kunden fährt und sich auf Handbetrieb umschalten lässt. "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir die ersten Modelle nicht bis Ende des Jahrzehnts auf die Straße brächten", sagt der Chef eines japanischen Autobauers. Damit zeichnet sich eine Revolution der Autogesellschaft ab. Immer weniger Menschen werden noch Autos selbst besitzen, weil sie individuelle Automobilität immer und überall parat haben.

2016 ist ein wenig enttäuschend. Es gibt keine Bahn brechenden Neuerungen, vielmehr wird bestehendes verbessert und vor allem verbilligt. Aber es ist wie beim Internet und der digitalen Fotografiererei. Die Entwicklung schreitet langsam in Riesenschritten voran, und ehe wir uns versehen, hat eine Revolution stattgefunden.

Für etwas Aufsehen sorgt die erste Ro-Butler Weltmeisterschaft. Die Diener müssen einen harten Zehnkampf bewältigen: Erkennnung und Ausführung von Sprachbefehlen, Gesichts-, Mimik- und Stimmungserkennung, autonomes Mapping einer neuen Umgebung inklusive Erkennung der Funktion von Geräten und Einrichtungsgegenständen, unter einer Minute Wasser aus dem Kühlschrank holen und servieren, ein Toast toasten und servieren, abdecken, Geschirr in die Spülmaschine räumen, vorlesen, Fähigkeiten der Außenverbindung und Informationsaufbereitung (Display oder Projektor) unter Beweis stellen – und als ultimative Herausforderung Schinken mit Spiegelei zubereiten und heil servieren (das Eigelb muss noch halbweich sein).

2017 überrascht ein chinesischer Hersteller mit der Praxisdemo eines Roboterautos. Das sieht schon sehr gut aus, aber selbst die Chinesen scheuen sich noch, das Gefährt in freier Wildbahn einzusetzen. „Das könnten wir vielleicht in Japan wagen, wo die Fahrer gesittet fahren, hier in China ist der Verkehr noch immer viel zu rabiat und chaotisch“, sagt ein Ingenieur.

2018 ziehen auch die Japaner mit Prototypen nach. 

Die ersten Modelle werden für 2019 versprochen und auch ausgeliefert. Aber sie werden noch nicht so schnell das Straßenbild bestimmen, denn der Ersatz des Taxi und vor allem individuellen Autobestands wird Jahre in Anspruch nehmen. Auf den humanoiden Alleskönner musst du allerdings noch eine Weile warten, sagt das Orakel.

Freitag, 8. Oktober 2010

Buchrezension: Was macht das Internet mit unserem Hirn?

Ok, der Artikel, auf den ich jetzt hinweisen werde, ist nicht brandneu, aber vielleicht dennoch von Interesse. 
"Die Welt" hat vorige Woche meine Buchrezension des neuen Buchs US-Internet-Gurus/-Kritikers Nicholas Carr, "The Shallows - What The Internet Does To Our Brains", veröffentlicht. 


Wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Buch "Payback" hat Carrs beobachtet, dass seine Fähigkeit, lange Texte zu lesen, abgenommen hat. 


Verantwortlich für diese Entwicklung ist für ihn das Internet, dass durch seine technische Wirkungsweise unser Gehirn neu verdrahtet. 


Carrs These ist, dass jede Technik auf neuraler Ebene unser Gehirn und damit unser Denken verändert, in diesem Fall zum Schlechten. Während der Buchdruck in seinen Augen die Kunst des "tiefen Lesens" und damit Denkens demokratisiert hat, glaubt Carr, dass das Internet unser Denken und damit unserer Fühlen systemisch verflacht. Denn es zerstreut durch die ewige Erreichbarkeit, den Zwang zu schnellen Antworten auf eMails, multimediale Angebote und die vielen Links in Texten unsere Aufmerksamkeit und zerstört die Konzentration, die wir für die Abspeicherung von Informationen in unserem Langzeitgedächtnis benötigen. 


Ich habe das Buch sehr genossen. Denn es beschreibt nicht nur detailliert und verständlich die neurologischen Auswirkungen des Internets auf unser Hirn, sondern erinnert uns nebenbei mit einer Fülle von Einsichten alter Denker an die Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte intellektueller Techniken


Dennoch ist es nicht mehr als ein sehr gutes Fundament für die notwendige Diskussion über die Frage, was wir Menschen werden wollen. Denn Carr liefert keine Lösungen für das Dilemma, einerseits das Internet nicht mehr abschaffen zu können und andererseits entgegen seiner inhärenten Wirkungsweise das tiefe Denken bewahren oder gar fördern zu wollen. Am Ende wird er sogar wieder recht pessimistisch. Das wichtige sei nicht das Werden, sondern was wir werden.
Foto: Commons  http://spaceresearch.nasa.gov/general_info/05feb_superconductor.html

Japan plant neues Konjunkturprogramm

Während Deutschland derzeit in unerwarteten Wachstumshoffnungen schwelgt, kämpft Japan gegen einen Rückfall in die Krise. Nachdem die massiven Währungseingriffen zur Schwächung des Yen bereits verpufft sind, hat sie am Freitag zusätzlich ein neues Konjunkturprogramm in Höhe von 5000 Mrd. Yen (43,5 Mrd. Euro) auf den Weg gebracht. Das Programm soll das Wachstum um 0,6 Prozentpunkte erhöhen und 450000 bis 500000 Jobs sichern, erklärte das Finanzministerium.

Auslöser des Programms ist die Angst, dass der schnelle Anstieg des Yen den Aufschwung abwürgen könnte. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukt hatte sich bereits im vorigen Quartal verlangsamt. Doch schlimmer noch, bereits jetzt erwarten die Firmen eine rapide Verschlechterung des Geschäftsklima im letzten Quartal des Jahres, weil sich Japans Exportprodukte durch den Höhenflug des Yen besonders gegenüber den südkoreanischen Rivalen verteuern.

In einer ersten Notmaßnahme hatte die Regierung vor wenigen Wochen erstmals seit secheinhalb Jahren am Währungsmarkt eingegriffen, um den Dollar zu stärken, der auf den tiefsten Stand seit 1995 gefallen war. Diese Woche senkte zudem die Notenbank den Zins auf Null Prozent und kündete andere Maßnahmen an, um mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Doch da Geldpolitik in der Regel erst mit einer Verspätung von 12 bis 18 Monaten voll auf die Konjunktur durchschlägt, sah sich die Regierung in der Pflicht, ihrerseits kurzfristiger die Wirtschaft zu stützen. 

Rund 3100 Mrd. Yen des Pakets hat die Regierung zur Förderung der Regionen, Investitionen in gesellschaftlich notwendige Einrichtungen und die Stützung von Kleinunternehmen eingeplant. Zudem will die Regierung auch Geld für die Suche nach Alternativen für die wichtigen Seltenerden bereit stellen, die für die Produktion für viele Hightechprodukte von Akkus über Elektromotoren bis hin zu Flachfernsehern wichtig sind. Denn China, der Quasi-Monopolist dieser seltenen Metalle, hatte nach Medienberichten den Export in einem Territorialkonflikt gestoppt.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Ceatec 2010: Der neue Trend - "Personal 3D"

Der neue Mega-Trend wird, was ich "Personal 3D" nenne. Deutlich sichtbar ist dies auf der japanischen Konsumelektronikmesse Ceatec wie in meinem Blog auf Technology Review heute genauer nachzulesen ist.
Trendsetter ist Sharp mit seinem brillenlosen 3D-Display für Handys, das auch in der Nintendos neue portablen Videokonsole Nintendo 3DS eingesetzt werden wird. Aber es geht auch größer: hier ein Webbook-Screen.
Und hier Sharps Handy in 3D-Action. Die Ergebnisse lassen sich auf allen 3D-Geräten wiedergeben, egal welchen Standard sie verwenden. Alles eine Sache der Aufbereitung.
Toshiba hat auf der Ceatec mit einem brillenlosen 3D-TV aufgetrumpft, den ich im Blog allerdings verreiße. Auf dem Notebook finde ich das System hingegen gut.
Cool ist das Info-Display von Hitachi, dass sich mit einfachen Handgesten steuern lässt. Ansonsten gibt es auch bei Hitachi jede Menge 3D, genauso wie bei 3D-Pionier Panasonic. Doch Panasonic hat nicht wirklich etwas, was die Japaner nicht schon auf der IFA in Berlin (3D-Camcorder) oder der Photokina in Köln (3D-Photoapparat und -objektiv) gezeigt hätten.  
Mein Hit aber sind Head-Mounted Displays. NTT Docomo, Japans größter Mobilnetzbetreiber, stellte einige verdammt coole Modelle vor, die wohl teilweise mit Olympus zusammen entwickelt wurden. 
NTT Docomo hat auch bereits einen Dienst entwickelt: Stadtführung durch die alte Kaiserstadt Kyoto. Angeschlossen ans GPS-Handy lenkt das Display den Touristen auf Attraktionen am Wegesrand hin und spiegelt entweder Erklärungen oder auch bei Restaurants Telefonnummern und Spezialitäten ein. 
Die Modelle sehen wirklich verdammt cool aus, finde ich, so etwa diese Sportbrille.
Aber ehrlich gesagt würde ich mir so etwas wohl nicht aufsetzen. Denn durch solche Displays wird mir die Informationsflut zu sehr gesteigert. Und ich versuche derzeit alles, um sie zu senken.
Aber in dieser Größe hat es seinen Reiz, das dort oben ist doch eine nette "Lesebrille".
Mit dabei auf der Ceatec ist auch der Autobauer Nissan, der für seine Elektroautos wirbt.
Auch nett: Fujitsu Geh- und Lauftrainer. Das Handy bewertet den Geh- oder Laufstil auf einer 100-Punkteskala, zeigt die Problemzonen und gibt Verbesserungstipps.
Und natürlich gab es noch viel mehr, aber dies muss erstmal reichen.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Weltstahlkonferenz: Asien wird Stahlküche der Welt

Ein Jahr nach der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit steigt Nachfrage der Welt nach Stahl bereits auf neue Rekordhöhen. „Wir erleben eine schnellere Erholung, als wir inmitten der Krise und noch im April erwartet haben“, sagte gestern Paolo Rocca, scheidender Präsident des Weltstahlverbands, beim jährlichen Branchentreffen in Tokio. Hauptprofiteure des Booms seien dabei die Länder Asiens. Er eine „wichtige Verschiebung der Industrie nach Osten.“  Der Anteil des Kontinents an der Weltstahlnachfrage werde von 20 Prozent im Jahr 1980 auf 65 Prozent in diesem Jahr steigen.

Der jähe Einbruch der Konjunktur in den Industrieländern hat besonders die Stahlindustrie in den traditionellen Stahlländern Japan, USA und Deutschland schwer getroffen. Die Auslastung der Hütten sank daher auf Werte um 40 Prozent. Hingegen wuchsen die Volkswirtschaften in vielen Schwellenländern auch während der Krise dank Infrastrukturprogrammen, die Stahlnachfrage weiter ankurbelten.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach der neuesten Prognose des Weltstahlverbands wird die globale Nachfrage 2010 um 13,1 Prozent auf das neue Rekordniveau von 1,27 Milliarden Tonnen steigen. Zuletzt hatte der Verband nur mit einem Plus von 8,4 Prozent gerechnet. Für 2011 sagen die Stahlexperten langsameres Wachstum von 5,3 Prozent auf 1,34 Milliarden Tonnen voraus.

Besonders rasant entwickelt sich zurzeit Indien, das bereits im kommenden Jahr nach China und den USA zum drittgrößten Stahlmarkt der Welt aufsteigen könnte. Im südasiatischen Subkontinent wird die Nachfrage nach Ansicht des Weltstahlverbands im Jahr 2011 auf 68 Millionen Tonnen klettern, 32 Prozent mehr als noch 2007.
Zwar erholt sich auch Europas Stahlindustrie schneller als gedacht. Doch die Nachfrage in der EU wird 2010 voraussichtlich noch immer um 25 Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegen. 

Diese Lücke wird sich nicht rasch schließen lassen: „Wir sind immer noch vorsichtig“, sagt Daniel Novegil, Vorsitzender des Wirtschaftskomitees des Weltstahlverbands. Die Erholung sei bisher hauptsächlich durch die Aufstockung der leeren Lager und die Konjunkturprogramme getrieben, die jetzt aber auslaufen. Salzgitter-Chef Wolfgang Leese glaubt ebenfalls nicht an eine Rückkehr zu den goldenen Jahren vor der Krise, als die Industrie nicht nur viel verkaufte, sondern auch hohe Gewinne einfuhr.

Auch in China stehen die Zeichen auf Abkühlung: Der Weltstahlverband erwartet für 2011 nur noch ein Plus von 3,5 Prozent. Eine Ursache sei, dass Chinas Stahlindustrie in der ersten Jahreshälte auf Lager produziert hat, sagte Roger Manser vom Branchendienst Steel Business Briefing. „Die Lager durch die gesamte Lieferkette sind proppenvoll.“

Zudem will die Regierung Überkapazitäten abbauen und die fragmentierte Stahlindustrie konzentrieren. Bisherige Versuche der Zentralregierung in diese Richtung sind zwar am Widerstand der mächtigen Regionen gescheitert. Doch Deng Qilin, Chef des chinesischen Stahlkonzerns Wuhan Iron & Steel, glaubt, dass es diesmal anders ist. Chinas Stahlproduktion sei in den letzten Jahren von 100 Millionen auf fast 600 Millionen Tonnen gestiegen. „Wir erreichen eine Decke“, meint er. Seiner Meinung solle das Land den Fokus auf Restrukturierung legen, um das Niveau der Stahlindustrie zu erhöhen. Die Produktion werde sich stabilisieren, so Deng. „Nach fünf bis zehn Jahren Anpassung wird die Produkt sinken.“

Weltstahlkonferenz: Hersteller im Klammergriff der Erzlieferanten

Weltweit suchen Stahlhersteller nach Lösungen im Umgang mit den neuen Erzverträgen. „Ich frage alle: Was können wir tun?“, sagte gestern etwa Lakshmi Mittal, Chef des größten Stahlkonzerns ArcelorMittal. Eine Antwort gebe es noch nicht, sondern wohl erst im nächsten Jahr, erwartet er: „Das System wurde ja gerade erst verkündet, und auch die Eisenerzanbieter lernen noch dazu.“

Die Verkürzung der Laufzeiten von Eisenerzverträgen von einem Jahr auf drei Monate stellt die Stahlbranche vor große Probleme. Denn ein Großteil der Kunden ist seinerseits nicht dazu bereit, die Laufzeiten zu verkürzen. So bleiben die Stahlhersteller künftig auf den höheren Rohstoffkosten sitzen, wenn diese von Quartal zu Quartal steigen.

„Bei einem Bauprojekt, das über mehrere Jahre geht, muss man einschätzen können, wie teuer das Rohmaterial ist“, argumentierte Ian Christmas, Generaldirektor des Weltstahlverbands. Auch die Autoindustrie plant ihre Produktion in langen Zyklen und steht daher kurzfristigen – vielleicht sogar durch Spekulation verstärkten – Preissprüngen extrem ablehnend gegenüber.

Die Stahlindustrie würde daher liebend gern zum alten System der Jahresverträge zurückkehren und versucht die Minenbetreiber zurzeit davon zu überzeugen, dass Volatilität allen schadet. Rohstoffkonzerne wie BHP Billiton liebäugeln hingegen sogar mit einer weiteren Verkürzung der Laufzeit auf einen Monat.

Das Ergebnis des Fingerhakelns zwischen Stahl- und Minenkonzernen sei noch nicht abzusehen, sagen Stahlmanager. Ein wichtiges Indiz wird aber sein, wie Mittal sich verhält. „Wir werden machen, was der Marktführer macht“, sagte etwa der Chef des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns Salzgitter, Wolfgang Leese. Faktisch jedoch kontrollieren die drei größten Minenkonzerne 70 Prozent des globalen Erzhandels.

Eine große Sorge der Stahlkonzerne ist, dass die Banken mit Finanzinstrumenten in den Markt springen, sagte Stahllobbyist Christmas. Auf der einen Seite könne man zwar argumentieren, dass damit das Risiko abgesichert werde. „Aber die Industrie befürchtet, dass die Börsen als Spielkasinos und nicht zum Hedgen von Risiken genutzt werden“, so Christmas.

Alternativen wie der Einstieg in Minenprojekte stehen nicht jedem Unternehmen offen. Salzgitter hat die Idee beispielsweise eingemottet: „Wir haben nicht die Finanzkraft, so etwas zu machen“, so Leese.
Gleichzeitig stoßen die Stahlhersteller an Grenzen, die höheren Rohstoffkosten durchzureichen. „Die Preiserhöhungen konnten wir nicht komplett weitergeben“, sagte der Stahlvorstand bei Salzgitter, Johannes Nonn. Ähnliche Erfahrungen machten auch die Stahlkonzerne in Japan. 

Zwar rechnen Analysten damit, dass die Rohstoffpreise in der zweiten Jahreshälfte nachgeben und die Hersteller davon profitieren könnten. Salzgitter-Chef Leese hält das zwar für zu optimistisch. Dennoch werde sein Unternehmen „dieses Jahr mit einem blauen Auge davonkommen“: Er erwarte weiterhin ein ausgeglichenes Ergebnis.

Ein weiteres Rohstoffproblem droht von anderer Seite: Die Stahlhersteller kämpfen mit einer Verschlechterung der Koksqualität. „Die fette Kokskohle ist recht knapp, und nach Vorhersagen wird die Lage angespannt bleiben“, sagte Nonn.

Weltstahlkonferenz: Weltstahlverband baut erstmals Chinesen zum Chef auf

Zeitenwende im Weltstahlverband: Erstmals wird 2011 ein Chinese zum Präsidenten der traditionsbewussten Organisation aufsteigen. Xiaogang Zhang, Chef von Anshan Iron and Steel, wurde gestern auf der Weltstahlkonferenz in Tokio zunächst zum Vizevorsitzenden gewählt. 2011 soll er dann die Nachfolge des neuen Vorsitzenden Hajime Bada antreten, Chef des japanischen Stahlkonzerns JFE.

Die World Steel Association trägt damit der Machtverschiebung in der Weltstahlindustrie Rechnung. Obwohl China fast die Hälfte der weltweiten Stahlnachfrage und -produktion repräsentiert, stand die Stahlindustrie bislang im Abseits: Bis Ende 2010 werden erst sieben der größten chinesischen Hersteller in dem Verband als Einzelmitglieder vertreten sein. Das entspricht nur etwa 25 Prozent der heimischen Stahlindustrie.

Doch die alteingesessenen Stahlbarone aus Europa, Japan und den USA können die Chinesen in ihren Reihen nicht länger übergehen. Schon auf der Weltstahlkonferenz im vergangenen Jahr in Chinas Hauptstadt Peking seien die Chinesen, „ich sage es mal höflich, sehr selbstbewusst aufgetreten“, sagt ein deutscher Stahlmanager. „Zhang hat offenbar besondere Ambitionen“, meint ein anderer Industrieinsider.

Der 1954 geborene Chinese ist General Manager der Angang-Gruppe und Präsident von Anshan Steel, einem der größten chinesischen Stahlkonzerne. Er gilt als Metallurgie-Experte und hat hohe staatliche Auszeichnungen erhalten, ist aber als Ex-Chef des chinesischen Stahlverbands mit Lobbying bestens vertraut.

Brancheninsider halten ihn daher auch eher für einen Politiker als einen Manager. Tatsächlich ist Zhang sowohl alternierendes Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas als auch Vertreter im elften nationalen Volkskongress.

Aus der FTD, 5.10.2010

Dienstag, 5. Oktober 2010

Ceatec 2010: 3D überall

Ich bin gerade von der Ceatec, der größten Konsumelektronikmesse Asiens. Der Trend ist eindeutig: 3D überall - nach Fernsehern kommen jetzt Handys und Computer dran. In den kommenden Tagen werde ich noch etwas ausführlicher werden und auch Bilder online stellen. 
Nur soviel vorweg:
Sharp beispielsweise hat ein 3D-Handy vorgestellt, dass auch 3D-Bilder schießen kann. Andere Hersteller warten mit anderen netten Ideen auf.
Aber es gab auch noch ein paar ganz nette überraschende Gimmicks. Meine persönlichen Favoriten sind
a) ein Head-mounted Display, das den Weg und Umgebungsinfos auf die Netzhaut projizieren kann (NTT Docomo und Olympus)
b) ein Geh- und Lauftrainer in Handys, der den Geh- oder Laufstil auf einer 100 Prozent-Skala bewertet, die Schwachzonen herausstellt und Tipps zur Verbesserung des Laufstils gibt (Fujitsu).

Geldpolitik: Notenbank senkt Zins auf null Prozent

Japans Notenbank hat den Zins wieder auf 0 Prozent gesenkt (war bisher auch schon fast null) und einen über den Daumen gepeilt 50 Mrd. Euro schweren Fonds zum Kauf von Wertpapieren aufgelegt, um mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Die Maßnahme soll dazu dienen, die Wirtschaft anzukurbeln, der es schlechter ginge als ursprünglich erwartet worden war, sagte Notenbank-Chef Masaaki Shirakawa. 
* Der Aktienkurs sprang nach dem Schritt deutlich in die Höhe. Denn die Notenbank tut damit mehr als die Märkte erwartet haben. Es wird zwar allein noch nicht ausreichen, um Japans aus der Deflation schnell zu befreien. Aber Analysten bezeichnen die endgültige Rückkehr zur Nullzinspolitik und vor allem das Kaufprogramm als erfreuliche Überraschung. 

Sonntag, 3. Oktober 2010

Politik: Japan suchte deutsche Schützenhilfe für atomare Aufrüstung

Japan hat ein Jahr vor dem in Kraft treten des Atomwaffensperrvertrags im Jahre 1970 Deutschlands Bereitschaft ausgelotet, die ostasiatische Nation im Falle einer atomaren Aufrüstung zu unterstützen. Dies hat der japanische TV-Sender NHK am Sonntag abend in seiner Hauptnachrichtensendung unter Berufung auf Akten des deutschen Außenministerium gemeldet. Die deutschen Diplomaten hätten eine Hilfe abgelehnt, so NHK. 
Dem Bericht zufolge hatte Japans Außenministerium deutsche Diplomaten im Februar 1969 in den Ferienort Hakone eingeladen. Denn fünf Jahre nach Chinas Atomwaffentest befürchtete die Regierung, dass eine atomare Bewaffnung anderer Staaten wie Indien Japans Sicherheit gefährden könnte. 
Ryohei Murata, einer der japanischen Teilnehmer an der Sitzung, erklärte gegenüber dem TV-Sender, dass er geglaubt habe, dass es auch für Japan Raum für eine atomare Aufrüstung hätte geben sollen. Aber bei den damaligen Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag konnte Japan seines Erachtens nicht auf Gehör rechnen. Dort hätten die Großmächte alles hinter geschlossenen Türen entschieden, so Murata. Daher habe man sich an Deutschland gewendet. Allerdings blockten die Gäste den Unterlagen zufolge eine Hilfe als sehr unwahrscheinlich ab. NHK berichtete nicht, ob danach die Unterredungen noch in eine weitere Runde gegangen seien.  
Die Meldung weckt weitere Zweifel an der Bekenntnis früherer japanischer Regierungen zu einer Welt ohne Atomwaffen. Denn die Intention widerspricht den 1967 vom damaligen Ministerpräsidenten Eisaku Sato verkündeten drei nicht-nuklearen Prinzipien, in denen er vor allem seinem Volk, aber auch der Welt versprach, dass das Land weder Atomwaffen produzieren, besitzen, noch ins Land lassen werde. Zwar goss das Parlament die Prinzipien nicht in Gesetzesform, sondern verabschiedete sie 1971 nur als Resolution. Aber in der Öffentlichkeit galten sie seither als Grundlage der japanischen Außenpolitik. 
Entgegen der offiziellen Politik erlaubten frühere Regierungen dem Bündnispartner USA allerdings in geheimen Vereinbarungen, Nuklearwaffen auf Kriegsschiffen ins Land zu bringen. Dies ist zwar schon lange kein Geheimnis mehr, aber erst, nachdem die demokratische Partei im Sommer 2009 die Regierung übernommen hatte, traute sich Japan die langjährige Lebenslüge der japanischen Friedenspolitik zu zugeben. Heute ist Japan mit Deutschland eine der treibenden Kräfte in der Staatengemeinschaft für eine atomare Abrüstung.