Freitag, 12. November 2010

G20: Waffenstillstand im Währungskrieg

Das Treffen der Staats- und Regierungschefs der Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) ist mit einem Kompromiss in Hauptstreitfragen zu ende gegangen. Nach hitzigen Diskussionen hat sich die G-20 darauf geeinigt, bis Juni 2011 Richtlinien zur Korrektur großer Handelsungleichgewichte auszuarbeiten. „Fürs Erste ist der so genannte Währungskrieg damit beendet", brachte Südkoreas Präsident Lee Myung-bak auf der abschließenden Pressekonferenz die Bedeutung dieses Beschlusses auf den Punkt.

Der wachsende Streit über die großen Ungleichgewichte im Welthandel und die Wechselkurskapriolen sowie den schwachen Dollar hatten das Gipfeltreffen überschattet. US-Präsident Barack Obama stand wegen der extrem lockeren Geldpolitik der US-Notenbank nicht nur im Gespräch mit der deutschen Kanzlerin unter Druck.

Auch die Unterredung mit Chinas Staatschef Hu Jintao drehte sich vorrangig um Währungsfragen. Denn die Dollarschwemme ruft anderswo Spekulationsblasen und treibt in Europa, Brasilien und Japan Landeswährungen gegenüber dem Dollar Export schädigend in die Höhe. Diskussionen über wichtige Punkte wie eine global abgestimmte Wirtschaftspolitik, der Seoul Aktionsplan, wurden in den Hintergrund gedrängt.

Am Ende überwog jedoch bei den Teilnehmern das gemeinsame Interesse, das wichtigste Koordinationsgremium der Weltwirtschaft nicht zu beschädigen. Unter dem Strich hat sich gezeigt, dass der Gemeinschaftsgeist siegt“, sagte Merkel im Anschluss an den Gipfel. „Der Geist der Kooperation war wirklich spürbar.“ 

Auch Obama, dessen Forderungen nach konkreten Obergrenzen für Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite am breiten Widerstand innerhalb der G-20 gescheitert war, zeigte sich zufrieden: Manchmal gibt es revolutionären, manchmal evolutionären Fortschritt.“

Aus Obamas Sicht hat der Gipfel immerhin die Notwendigkeit von Korrekturmechanismen anerkannt. Die G-20 hat ihren Finanzministern, Notenbankern und dem nächsten G-20 Präsidenten, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, im Abschlussbericht eine klare Aufgabe gestellt: Bis Juni 2011 sollen auf der Grundlage mehrerer Indikatoren Richtlinien erstellt werden, mit denen große Handelsungleichgewichte, die nach Meinung der G-20 korrigiert werden sollten, identifiziert werden.

Auch das eigentliche Kernstück, der Seoul Action Plan zur abgestimmten Wirtschaftsentwicklung wurde abgenickt. Danach müssen die hochverschuldeten Industrieländer mit der Haushaltssanierung beginnen.
Außerdem wollen die Staaten versuchen, der Doha-Runde der Welthandelsorganisation zur weiteren Liberalisierung des globalen Handels neues Leben einzuhauchen. 2011 gebe es ein wichtiges, wenn auch nur schmales Zeitfenster zum Handeln, so die G-20.

Andere Maßnahmen sind der Ausbau eines finanziellen Sicherheitsnetzes, schärfere Richtlinien für Banken (Basel III) zur Vermeidung neuer Finanzkrisen wurden nur durchgewinkt. Größere Beachtung fand hingegen die Reform des Internationalen Währungsfonds, durch die China zum drittmächtigsten IWF-Mitglied wurde. Insgesamt stiegen die Stimmrechte der Schwellenländer um sechst Prozent.

Die G-20 feierte die Veränderungen als „ambitionierte Errungenschaft“. Die Entwicklungshilfe-Expertin der Bürgergruppe Oxfam International Jasmine Burnley kritisierte jedoch, dass die vermeintlich große Reform eher sei wie „Peter berauben um Paul zu bezahlen.“ Die Stimmanteile der Entwicklungsländer seien tatsächlich nur um 2,8 Prozent gestiegen, weil nicht nur die Industrieländer wie Deutschland, sondern auch Pakistan, Bolivien und Nigeria mit Einbussen den Machtgewinn Chinas und Indiens ermöglichten.

Ein Geschenk an die Gastgeber ist ein Entwicklungsplan für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Der „Seoul-Entwicklungskonsenses für gemeinsames Wachstum“ beinhaltet einen mehrjährigen Aktionsplan. Als eine Maßnahme versprachen die Geberländer, ihre Entwicklungshilfe nach 2011 zumindest auf dem Vorkrisenniveau zu halten. 

Am Wochenende treffen sich die Staats- und Regierungschef aus dem asiatisch-pazifischen Raum in Japan zum Gipfeltreffen des asiatisch-pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) wieder. Dann soll erstmals eine asiatisch-pazifische Wachstumsstrategie und der Aufbau von regionalem Freihandel diskutiert werden. Obama und Hu sind bereits gelandet.


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Technik hoch 2: Den Brummi wie einen Porsche fahren, Internet-Leck der Apec-Antiterrormahmen

Weltpremiere: Fahre deinen Brummi wie deinen Porsche
Gestern war eine Weltpremiere in Tokio: Daimlers japanische Lkw-Tochter Mitsubishi Fuso stellte den ersten LKW mit Doppelkupplungsbetriebe vor. Doppelkupplungsbetriebe werden sonst fast nur in Sportwagen eingesetzt, um ein schnelles und ruckfreies Schalten zu ermöglichen.
Mehr dazu auf TechWatcher Asia
Mit dabei war Daimlers Truck-Chef Andreas Renschler, der mir in einem exklusiven Interview für die Financial Times Deutschland verraten hat, dass der Einstieg in das Billig-Lkw-Segment in Indien und China ein wenig auf die Margen drücken wird. Aber er sagte: "Das können wir uns leisten."
Das Interview ist leider nicht von der FTD online veröffentlicht worden. Aber Automobilwoche hat es verwurstet ...


Internet-Lecks: Anti-Terrormaßnahmen für Apec-Gipfel weltweit verbreitet
Ich hatte kürzlich darüber berichtet, dass nicht nur das Rammstoß-Video im Internet durchgeleckt ist, sondern auch die Anti-Terrormaßnahmen der japanischen Polizei für den Apec-Gipfel. Nun wird langsam die Tragweite deutlich.


Die Dokumente wurden zuerst über das Filesharing-Programm Winny verbreitet. Innerhalb der zwei Wochen, in der es unbemerkt zum im Internet zum Download zur Verfügung stand, hat es sich in mindestens 10 Ländern verbreitet, darunter China, Frankreich, Russland und die USA. Es wurde zumindest auf 4842 Computer herunter geladen, wovon 98 Prozent in Japan stehen. Die Ermittler gehen allerdings davon aus, dass die Dokumente auch darüber hinaus verbreitet haben.


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G20: Durch- und Abwinken - Streit überschaft Gipfel

Der G20-Gipfel hat am Donnerstag für Gastgeber Südkorea mit einer Niederlage begonnen, die zum Sinnbild für das Treffen der Staats- und Regierungschef der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer werden könnte. Die bilateralen Verhandlungen mit den USA über die Ratifizierung der bereits 2007 beschlossenen Freihandelszone sind vorerst geplatzt. Sie sollen im kommenden Jahr fortgesetzt werde.

Auch auf dem wichtigsten Forum der Welt scheint es immer schwieriger zu werden, an einer neuen, abgestimmten Wachstumsstrategie für die Welt zu zimmern. Stattdessen streiten sich die G-20 über das Management von Handelsungleichgewichten und Wechselkursen. Die Diskussionen im Vorfeld des Gipfels seien bereits so hitzig geführt worden, dass man die Türen habe öffnen müssen, witzelte ein südkoreanischer Verhandlungsführer.

Für Reibung sorgen vor allem die Konjunkturpolitik der USA und die harschen Forderungen von US-Finanzminister Timothy Geithner zur Beschränkung der Handelsungleichgewichte. Die US-Notenbank hatte kürzlich angekündigt, durch den Kauf von US-Staatsanleihen 600 Mrd. frisch gedruckte Dollar in die Wirtschaft zu pumpen. Gleichzeitig hatte Geithner verbindliche Zielgrössen für Überschüsse oder Defizite in Leistungsbilanzen der Länder gefordert.

Wie US-Präsident Barack Obama in einem Brief an die G-20 ausführte, erwarten die USA von Ländern mit hohen Überschüssen wie die Deutschland, China oder Japan, ihre Importe zu erhöhen und Exporte zu senken, um so die Abhängigkeit der Welt von den USA als Absatzmarkt zu verringern. „Wenn alle Nationen ihren Teil beitragen – die aufstrebenden nicht weniger als die entwickelten, die mit Überschuss wie die mit einem Defizit – dann werden wir alle von höherem Wachstum profitieren“, so Obama.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gab Obama auf dem Gipfel der Konzernchefs eine klare Abfuhr. Politisch festgelegte Zielkorridore seien "weder ökonomisch gerechtfertigt noch politisch angemessen" und widersprächen dem freien Welthandel, so Merkel.

Andere Länder werfen den wiederum USA offen vor, mit der Dollarschwemme gezielt den Dollar zu schwächen und durch den massiven Kapitalexport Spekulationsblasen wie Währungskrisen in Schwellenländern zu befeuern.

Auch auf Obamas 80-minütigen Treffen mit Chinas Staatschef Hu Jintao ging es „grösstenteils“ um Wechselkurse, so Robert Gibbs, der Sprecher des Weissen Hauses. Die USA fordern von China, die Landeswährung Yuan steigen zu lassen, um Chinas Leistungsbilanzüberschuss mit den USA zu senken. Hu wiederholte gestern öffentlich, dies allerdings nur schrittweise und langsam tun zu wollen.

Chinas Kreditbewertungsagentur hatte sich überdies diese Woche die Spitze erlaubt, die Bonität der USA herabzustufen. Obama sah sich angesichts der Kritik bemüssigt, sich auf einer Pressekonferenz zu rechtfertigen: „Das wichtigste, dass die USA für die Weltwirtschaft tun kann, ist zu wachsen.“

Viele exportorientierte Ländern und vor allem globale Konzerne sind daher besorgt, dass die Tendenz zu Währungskriegen und Protektionismus weltweit weiter zunehmen könnte, wenn es in wichtigen Fragen keine Fortschritte geben würde. Neben den Währungs- und Handelsfragen stehen noch die globale Wirtschaftspolitik mit konkreten wirtschaftspolitischen Empfehlungen für die Länder, inklusive der Sanierung der Staatshaushalte auf der Tagesordnung.

Die Industrieländer haben versprochen, ihre Etatdefizite bis 2013 zu halbieren. Indiens Premier Manmohan Singh will die G-20 am Freitag in seiner Rede daran erinnern. Doch schon heute fragen sich Experten, wie die USA ihr Versprechen angesichts des riesigen Defizits von 1300 Mrd. Dollar halten können.

Angesichts dieser Stimmung rechnen Beobachter vor Ort damit, dass nur einfache Punkte wie die neuen Richtlinien zu Bankenregulierung (Basel III) oder die Reform des Internationalen Währungsfonds, die China mehr Macht gibt, durchgewunken werden. Chancen auf eine Lösung der Streitpunkte sehen sie kaum. „Es wird sehr schwer, Kompromisse zu finden“, sagt in Südkorea Peter Wahl, Gründer und Beirat der Bürgerrechtsgruppe Attac Deutschland.

Donnerstag, 11. November 2010

Tech-Blog: FPD 2010 - Der Trend ist transparent

Auf Technology Review wird heute mein Blog über die laufende Flat Panel Display Show veröffentlicht. 
Fotos gibt es auf TechWatcher Asia


Mein Arbeitstitel: Der Trend ist transparent

Die Flat Panel Display Show in Japan, die Leitmesse der Panelindustrie, zeigt drei neue Trends: transparente Displays, flexible Oleds und farbige eBook-Reader.

Der persönliche Höhepunkt auf der noch bis Freitag laufenden Flat Panel Display Show in Japan, der wichtigsten Messe der globalen Flatpanelindustrie, ist das transparente Display von Samsung (Fotos von der Messe hier...). Wie im Science-Fiction-Film lässt es Bilder, Grafiken, Videos auf dem Fenster erscheinen. Doch der für mich beste Trick: Chef der Samsung-Entwickler Lee Jongseo berührt mit dem Finger eine digitale Schnur auf dem „Fenster“, zieht den Finger nach unten und schließt so eine digitale Jalousie. Das Fenster verdunkelt sich. Wunderbar. Und das Allerbeste: Es handelt sich dabei nicht mehr um einen weit von der Marktreife entfernten Prototypen, Samsung verkauft die transparenten Displays bereits im Heimatmarkt Südkorea. Bald dürfte es auch weltweit zu haben sein. Man untersuche bereits die Märkte in Europa, den USA und Japan, so Lee.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind mannigfaltig und versprechen Minirevolutionen in verschiedenen Bereichen: Eine der ersten Anwendungen sehen die Koreaner bei Schaufenstern, die mit dem Display dynamisch Inhalte anzeigen können. Die Autoindustrie ist ein weiterer möglicher Kunde, weil mit transparenten Displays Informationen auf der Windschutzscheibe eingespielt werden könnten. Augmented Reality-Anwendungen werden ebenfalls angedacht. Doch auch für Notebooks ist das Konzept des transparenten LCD interessant, verrät Samsung-Entwickler Lee. Denn im Sonnenlicht könnte das Display Energie sparend vom Umgebungslicht „hinterleuchtet“ werden und so die Laufzeit von Notebooks dramatisch verlängern.
...

Neue Infos aus Japan nun auch auf Twitter: twitter.com/martin_koelling

Mittwoch, 10. November 2010

News: FPD-Show: Der Trend ist transparent, Video-Verräter gefasst, Frankreichs Mineralwasser bald in japanischer Hand?, G20: Die Spannung steigt

Die News vom Tage, sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 


Bin gerade zurück von der Flat Panel Display Show, die weltweite Leitmesse in Sachen Flach-, Touch- und eBookreader-Bildschirme. 
Es war spannend und der Trend geht zur Transparenz wie morgen in meinem Blog auf Technology Review nachzulesen sein wird. Außerdem im Kommen: flexible Oled-Displays und farbige e-Ink-eBook-Reader. Da konkurrieren drei Techniken: LCDs (wie im iPad), farbige eInk wie bei Hanvon und electrowetting. Wie gesagt, morgen mehr.


Video-Verräter gefasst
Nun ist es raus: Ein Beamter der Küstenwache hat das Video vom Rammstoß eines chinesischen Kutters gegen ein Schiff der japanischen Küstenwache unautorisiert ins Netz gestellt. Es handelt sich um ein Crewmitglied eines Küstenwach-Schiffs in Kobe. Im droht Knast. 
Das Leck kurz vor dem Apec-Gipfel in China hatte den Territorialkonflikt zwischen Japan und China um zwei kleine Felsinseln wieder aufgeheizt, den Japans Regierung gerade mühsam abzukühlen versuchte.


* Bin mal gespannt, ob dem Missetäter wegen Landesverrat oder gar Geheimnisverrat der Prozess gemacht werden soll. Das Video hätte eigentlich von Anfang an veröffentlicht werden müssen, anstatt es durch Geheimniskrämerei erst zur Staatsaffäre zu machen. 


Danone will Wassergeschäft an Japaner verticken
Danone hat Teile seines Mineralwassergeschäfts, berühmt für die Marken Evian und Volvic, japanischen Getränkeherstellern zum Kauf angeboten. Nach Medienberichten fühlten Konzernvertreter bei Kirin, Asahi und Suntory vor. Noch ist allerdings unklar, ob der Verkauf, der Danone fünf Milliarden Euro in die Kasse spülen könnte, zustande kommen wird.
* Japans Getränkehersteller bieten sich für Danone als erster Ansprechpartner an. Denn erstens finden Evian und Volvic in Japan reißenden Absatz, zweitens versuchen Japans Getränkehersteller sich zu internationalisieren. 


G20: Die Spannung steigt
Bürgergruppen in Südkorea machen mobil, ein Leck eines Abschlusskommuniques in der Financial Times sorgt für Stimmung und China heizt die Diskussion um die Dollarschwemme an.
Gleichzeitig haben sich Apec-Minister in Japan vor dem Gipfel am Wochenende versichert, wenigstens bis 2013 keine neuen Handelsbarrieren aufzubauen. 

Dienstag, 9. November 2010

Undichte Stellen: Sicherheitsvorkehrungen für Apec-Gipfel im Internet durchgeleckt

Das Japan es mit der Datensicherheit nie so ganz genau genommen hat, haben bereits diverse Skandale über verlorene Kundendaten von Banken oder Präsentationen von F-22-Kampfflugzeugen bewiesen. Doch waren in den Fällen vielleicht Gier, vielleicht auch nur Schusseligkeit schuld, lehnen sich jetzt Beamte offenbar mit gezielten Internet-Leckagen gegen ihren Dienstherrn auf. 


Der erste Fall, die Veröffentlichung des Videos über den Rammstoß eines chinesischen Fischkutters gegen ein Schiff der japanischen Küstenwache, kann dabei gerne noch als legitim durchgehen. Die hätte die Regierung nie als Staatsgeheimnis behandeln sollen. Aber nun sollen auch noch die Sicherheitsvorkehrungen für den Apec-Gipfel am kommenden Wochenende auf einer File-Sharing-Seite ins Web zum Download gestellt worden sein, berichtete der Fernsehsender NHK heute in seinen Abendnachrichten. Da hört der Spaß allerdings auf. 


Der eifrige Löcherbohrer hat dabei sogar die Chuzpe besessen, sieben mal auf der File-Sharing-Seite nachzuschauen, wie oft die Datensätze herunter geladen worden sind. Ein Experte vermutete auf NHK, dass er die Zahl der Downloads hätte prüfen wollen, um bei zu niedriger Verbreitung die Akten zu propagieren. Das wäre ziemlich dreist.


Ich würde gerne mal mit einem Geheimdienstler darüber sprechen, als wie sicher und gut Japans Sicherheitskräfte und Geheimdienste gelten. Nach einigen Veranstaltungen frage ich mich, ob sie so gut sind, dass man sie nicht bemerkt, oder ob sie ganz einfach nicht da sind.

Bewehrte Gastfreundschaft - Südkorea mobilisiert für den G-20-Gipfel

Südkoreas Hauptstadt Seoul ist im Gipfelfieber. Um den Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) ab Donnerstag ein störungsfreies zweitägiges Gipfeltreffen zu garantieren, hat die Regierung nicht weniger als 50000 Polizisten und 10000 Soldaten mobilisiert. Das sind doppelt so viele Sicherheitskräfte wie auf dem vorigen G-20-Gipfel in Toronto.

Bei dieser bewehrten Gastfreundschaft werden die Medien voraussichtlich wenig Gelegenheit erhalten, über Randale auf den Straßen zu berichten. Stattdessen wird sich der Fokus auf die Tagesordnung des ersten G-20-Gipfels in Asien richten. Und die selbst gesteckten Ansprüche sind hoch.

Die Teilnehmer wollen die G-20 „als höchstes Forum unserer globalen wirtschaftlichen Kooperation“ nutzen, sagte der britische Premierminister David Cameron. Und der Gastgeber, Südkoreas Präsident Lee Myung-bak, forderte forsch, „die bisher getroffene Vereinbarungen in konkretes Handeln umzusetzen." Offensichtlich will sich Südkorea, das als erster Staat außerhalb der führenden sieben Industrienationen ein derart wichtiges globales Ereignis organisiert, sich als diplomatische Macht darstellen.

Die Tagesordnung ist dementsprechend ambitioniert: Vor allem soll eine globale Wachstumsstrategie mit länderspezifischen Zielen festgelegt werden, damit die Welt künftig ausgeglichener und krisenfreier wachsen kann. Ein wichtiger Punkt ist das Versprechen hochverschuldeter Industrieländer, mit der Sanierung ihrer Haushalte zu beginnen.

Verstärkte Regulierung des Finanzmarkts, der Ausbau eines globalen Finanznetzes und die Reform des Internationalen Währungsfonds runden sie ab. So wird der Machtzuwachs Chinas im internationalen Währungsfonds abgesegnet werden. Nach Stimmanteilen wird China künftig Deutschland als drittwichtigstes Land ablösen.

Zudem will Lee sich ein bleibendes Denkmal setzen und einen Aktionsplan zur wirtschaftlichen Entwicklung der ärmsten Länder der Welt ins Leben rufen. Südkorea, das nach dem Krieg in bisheriger Rekordzeit vom Bauernstaat zur Industriegroßmacht aufgestiegen ist, will dabei mit seinen Erfahrungen als „Brücke“ zwischen armen und reichen Ländern wirken, so ein südkoreanischer Diplomat.

Mit besonderer Spannung wird allerdings erwartet, ob die Staatschefs hinter verschlossenen Türen die USA für die jüngste Dollarschwemme kritisieren werden. Die US-Notenbank hat kürzlich als Konjunkturmaßnahme beschlossen, durch den Kauf von US-Staatsanleihen 600 Mrd. frisch gepresste Dollar in die Wirtschaft zu pumpen.

Bereits am vergangenen Wochenende blies US-Finanzminister Timothy Geithner auf dem Finanzministertreffen des asiatisch-pazifischen Wirtschaftsforums (Apec), das den Apec-Gipfel am kommenden Wochenende vorbereitet hatte, der Wind ins Gesicht. Offen sorgten sich Asiens Schwellenländer, dass die Dollarflut mangels Kreditnachfrage in den USA in andere Staaten schwappen und dort Spekulationsblasen wie Währungsschwankungen auslösen könnte.

Damit ist der Unmut noch nicht vom Tisch. China erneuerte diese Kritik gestern. Die Weltbank riet kleineren Staaten sogar dazu, punktuell Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, um eine Destabilisierung ihrer Volkswirtschaften und Währungen zu verhindern.

Angesichts dem globalen Unbehagen mit der US-Politik dürften allerdings auch die radikalen Forderungen Geithners für den Abbau der Handelsungleichwichte vom Tisch sein. Er hatte kürzlich laut darüber nachgedacht, ein negatives oder positives Handelsbilanzsaldo von 4 Prozent des Bruttoninlandsprodukts als globales handels- wie währungspolitisches Ziel anzuvisieren. Bereits nach der Apec-Tagung sagte er allerdings, er strebe keine spezifischen Zielvorgaben an.

Mutiger Kan: Als erster Premier greift Kan die Agrarlobby frontal an

Ist er kühn oder vermessen? Japans Premier Naoto Kan verspricht Beitrittsgespräche zu einer transpazifischer Freihandelszone. Aber kann Kan die extrem hohen Schutzzölle für die Landwirtschaft wirklich senken?


Japan steht vor einem historischen Durchbruch in seiner Freihandelsstrategie. Gegen massive Widerstände der Agrarlobby hat Japans Ministerpräsident Naoto Kan heute gelobt, das Land in das transpazifische Partnerschaftsabkommen (TPP) zu führen. Kan will durch die Liberalisierung Japans Wirtschaft beleben. Die TPP wird derzeit von neun amerikanischen und asiatischen Ländern, darunter den USA, ausgehandelt, und erfordert auch eine weitgehende Liberalisierung der Agrarimporte, die Japan bisher immer abgelehnt hat.


In einem ersten Schritt hat das Kabinett heute die Aufnahme vorläufiger Gespräche beschlossen. Auf dem Apec-Gipfel am Wochenende wird Kan seinen Plan vorstellen. Bis Juni 2011 will die Regierung dann entscheiden, ob offizielle Verhandlungen begonnen werden sollen. 


Kans Plan ist kühn, denn der Widerstand ist so stark wie die Schutzzölle hoch sind. Bei Reis beträgt der Importzoll sagenhafte 778 Prozent, bei Bohnen 403 Prozent, bei Butter 360 Prozent, bei Weizen 252 Prozent und beim auf Druck der USA und Australiens bereits recht weitgehend liberalisierten Rindfleischimporte immerhin noch 38,5 Prozent. 


Bisher haben die Vertreter der Landwirte in allen Parteien noch jede Diskussion über die Senkungen der Barrieren im Ansatz gestoppt. Doch diesmal sind sie stärker gefährdet, denn erstmals hat sich ein Premier mit seinem Wort dafür eingesetzt, eine der letzten Bastionen des alten, durch Schranken geschützten Japans zu schleifen. 


Der Kampf wird mit dementsprechend harten Bandagen geführt. Öffentlich warnen die Landwirtschaftsvertreter, dass eine Senkung der Importzölle den Bauernstand ausradieren und Japans ohnehin niedrige Selbstversorgungsrate mit Lebensmitteln von 40 auf 14 Prozent absacken lassen würde. Denn die japanischen Landwirte könnten ohne den Schutz nicht wettbewerbsfähig produzieren. 10 Kilogramm in Japan produzierter Reis kosten nämlich derzeit 2450 Yen, 10 Kilogramm kalifornischer Reis 700 Yen. 


Befürworter der Liberalisierung wenden hingegen ein, dass Japans Landwirtschaft durch ihre Zersplitterung in Kleinsthöfe extrem ineffizient ist und der Einfluss des Freihandels durch die seit Jahrzehnten verschleppten Boden- und Strukturreformen aufgefangen werden könne. Die durchschnittliche Hofgröße beträgt gerade eineinhalb Fußballfelder, und Unternehmen war landwirtschaftliches Engagement bis vor wenigen Jahren verboten. 


Der Kampf wird interessant. Ich glaube, dass damit die Stunde der Reformen geschlagen hat. Denn Fakt ist, dass den Landwirten buchstäblich die Zeit davon läuft. Der Großteil der Bauernschaft befindet sich bereits jenseits des Rentenalters. Viele Bauern werden demnächst selbst ihre kleinen Felder nicht mehr bestellen können. Doch Hoferben sind Mangelware, weil die kleinen Schollen in den meisten Fällen schon lange keine Familie mehr ernähren können. Ein Großteil der Bauern arbeiten daher Teilzeit in anderen Berufen. Aus rein biologischen Gründen muss Japan daher seine Landwirtschaft reformieren.


Perfide sind die Argumente: Die Verbraucher wollen gerne für gute Produkte aus Japan tiefer in die Tasche greifen, die hohe Qualität der Lebensmittel sei ihnen das wert, wurde heute in einer Talkshow argumentiert. Doch komischerweise trauen sich die Bauernfreunde nicht, ihre These durch einen Test unter Beweis zu stellen.

Wahrscheinlich fürchten sie, dass den Verbrauchern ein bisschen Reform ganz recht sein könnte, besonders nach diesem Sommer, der durch zuviel Regen und Sonne die Ernten versaut und die Obst- und Gemüsepreise auf extrem luftige Höhen getrieben hat. Ein Kopf Weißkohl 3,30 Euro, eine Tomate 1 Euro, eine kleine Gurke 0,75 Cent (Preise von gestern) - solche Preise tun auch Japanern weh. Ich frage mich, ob dadurch der Absatz von Vitamin-Pillen steigt, weil die Leute der Lust auf Obst vergeht.

Montag, 8. November 2010

News: Apec: Unternehmerverband drängr auf Freihandelsdeal, Nordkorea: Propaganda gegen Spottlieder, Südkorea: SK und USA zimmern an Freihandelsabkommen

Die News vom Tage, sporadisch, subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit: 

Vorweg ein Konjunkturbarometer: Das Geschäftsklima mit September hat sich leicht abgekühlt. Die BoJ spricht sogar davon, dass der Aufschwung "momentan pausiere".


Apec und transpazifische Freihandelszone
Einen Tag vor dem Kabinettbeschluss über Japans Handelsstrategie (siehe Eintrag morgen) hat der Unternehmerverband Nippon Keidanren die Regierung aufgefordert, bis 2015 ein transpazifisches Freihandelsabkommen abzuschließen. Schon der Beginn von Diskussionen für ein solches Abkommen wäre ein Meilenstein, denn bisher hatte die Agrarlobby jede Abschaffung von Schutzzöllen für die Landwirtschaft verhindert.
Anlass der plötzlichen Eile der Regierung ist der Apec-Gipfel, der am Wochenende in Yokohama stattfinden wird. Auf der Tagesordnung steht der Diskussionsbeginn für einer asiatisch-pazifischen Wachstumsstrategie, die den Freihandel in der Region fördern soll. Um der Idee neuen Schwung zu geben, will die Regierung über einen Beitritt zu einem TPP-Akommen (das transpazifische Partnerschaftsabkommen) diskutieren, dass derzeit außerhalb der Apec verhandelt wird.
Das TPP geht aus einem Freihandelsabkommen zwischen Brunei, Chile, Neuseeland und Singapur hervor. Derzeit wird verhandelt, es um fünf Länder zu erweitern, darunter die Agrarexporteure USA und Australien.


SÜDKOREA G20
USA und SK zimmern an Freihandelsabkommen

Im Vorlauf des G20-Gipfels diese Woche zimmern SK und die USA unter Hochdruck an einem Kompromiss für ihre bereits 2007 vereinbarte, aber nie ratifizierte Freihandelszone. Das Ziel ist, bis zum Südkorea-Besuch von US-Präsident Barack Obama die letzten Streitfragen zu lösen, darunter offene Zollfragen bei Autos und die Frage des Rindfleischimports.




NORDKOREA
Propaganda gegen Spott / Machtkonsolidierung durch Tod

Der Tod des greisen Generals Cho Myung-rok ermöglicht einem Kim-Vertrauten offiziell Aufstieg auf den zweitwichtigsten militärischen Posten. Vize-Marschall Lee Young-ho, der als Wegbegleiter von Kim Jong-un gilt, dürfte Cho als ersten stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission ersetzen.
Darüber hinaus verstärken die Medien die Propaganda für den zum Thronfolger erwählten Kim Jong-un. Die Arbeiterzeitung hat dem Leben des 27-jährigen gerade eine gesamte Ausgabe gewidmet. 
Die Propaganda ist offenbar auch dringend notwendig, denn der Respekt der Machthaber schwindet. Kürzlich tauchte sogar ein Spotlied auf die Kim-Familie auf. In einer Schule sei ein südkoreanisches Kinderlied über drei Bären aufgetaucht, das es satirisch umgedichtet mit der Kim-Dynastie (Großväterchen Kim Il-sung, Väterchen Kim Jong-il und Sohnemann Kim Jong-un) aufnehme, berichtete der Blog Daily NK: "Drei Bären sind in einem Haus, stecken alles ein; Großvater-Bär, Papa-Bär und Baby-Bär. Großvater-Bär ist fett, Papa-Bär ist auch fett und Baby-Bär ist ein Idiot.“
Außerdem: Nordkorea bringt selbstentwickelten PDA auf den Markt, inklusive Touchscreen.

Technik: Die Ära der flexiblen Displays beginnt

Samsung hat ein flexibles Amoled-Display vorgestellt. Mit dem recht hochauflösenden Bildschirm kündet sich die Ära der flexiblen Displays an, schreibe ich auf meinem Tech-Blog TechWatcher Asia.

PS: Auf Twitter gibt es Martin Kölling jetzt auch:
http://twitter.com/#!/martin_koelling

In "Die Welt": Kommen die Head-mounted displays?

Leser meines Blogs über Head-mounted displays (HMD) auf Technology Review wissen schon, dass ich dem künstlichen dritten Auge der Menschen nur ein Nischendasein zutraue. Weniger persönlich gefärbt habe ich in der jüngsten Wochenendausgabe von "Die Welt" den Stand der Entwicklung geschildert. 
Für den Artikel habe ich unter anderem Professor Tsukamoto interviewt. Der Pionier in Sachen "wearable computing" wurde in der Öffentlichkeit seit 2001 nicht mehr ohne HMDs vor dem Auge und Mini-Computer am Leib gesehen. Ein Unikum.
Bilder zu HMDs gibt es hier auf TechWatcher Asia.


Hier noch der Link zum HMD-Blog auf Technology Review: http://www.heise.de/tr/blog/artikel/Der-Mensch-als-Kampfpilot-1126568.html


Und für den, den es interessiert: Es gibt mich jetzt auch auf Twitter:
http://twitter.com/#!/martin_koelling

Sonntag, 7. November 2010

Politik: Gipfelmarathon in Asien

Die wichtigsten Staats- und Regierungschef der Welt diskutieren in dieser Woche gleich zweimal in Asien die Geschicke der Welt.

Ein wahrer Gipfelmarathon in Japan und Südkorea versinnbildlicht, dass sich die wirtschaftlichen und politischen Geschicke der Welt immer mehr in Asien entscheiden. Kaum ist die globale Artenschutzkonferenz im japanischen Nagoya mit einem unerwarteten Erfolg beendet worden, beginnen am Montag die vorbereitenden Treffen des G20-Gipfels der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer in Südkorea, auf denen die Staats- und Regierungschefs Mitte der Woche die globale Währungs- und Wirtschaftspolitik erörtern und Chinas Machtgewinn im Internationalen Währungsfonds absegnen werden.

Am folgenden Wochenende treffen sich dann die Staatenlenker der Asien-Pazifik Wirtschaftskooperation (Apec), von denen die mächtigsten auch zu den G20 gehören, im japanischen Yokohama wieder. Im Mittelpunkt steht dann eine asiatisch-pazifische Wachstumsstrategie, mit der sich die Boomregion Asien und die Westküste Nord- und Südamerikas vollends als Welthandelszentrum durchsetzen wollen. Europa ist dabei nur Zaungast.

In beiden Fällen versuchen die Gastgeber dafür zu sorgen, dass die Gipfeltreffen zu Meilensteinen werden. Besonderen Eifer, einen Erfolg zu produzieren, legt dabei Südkorea an den Tag. Denn das Land führt erstmals den Vorsitz einer solch gewichtigen globalen Zusammenkunft und will sich nach dem wirtschaftlichen Aufstieg nun auch als diplomatische Macht beweisen.

„Es ist ein wichtiger Zeitpunkt für die G20, ihre bisher getroffenen Vereinbarungen in konkretes Handeln umzusetzen“, forderte Südkoreas Präsident Lee Myung-bak am Mittwoch von seinen Kollegen forsch. Besonders wollen die Südkoreaner sich dafür einsetzen, dass die mächtigsten Staatenlenker der Welt sich auf konkretere Richtlinien einigen, wie die Staaten durch eine engere Koordination der Wechselkurspolitik drohende Währungskriege abwenden und Handelsbilanzungleichgewichte abbauen können.

Lee zeigte sich zuversichtlich, dass die Gipfelteilnehmer die noch vagen Ergebnisse des G20-Finanzministertreffens vom vorigen Monat „einen Schritt weiter“ treiben werden. Auch soll eine globale Wachstumsstrategie mit länderspezifischen Zielen festgelegt werden. Zudem will Lee sich ein bleibendes Denkmal setzen: einen Aktionsplan zur wirtschaftlichen Entwicklung der ärmsten Länder der Welt.

Auch Japan will die Apec-Tagung, die am Dienstag kommender Woche mit einem Treffen auf Ministerebene beginnen wird, in mehrfacher Hinsicht zu einer wirtschaftspolitischen Wegmarke machen. Zuerst geht es den Gastgebern darum, eine Vision für die Zukunft der pazifischen Anrainerstaaten zu umreißen. Ein wichtiger Bestandteil wird der Entwurf einer Wachstumsstrategie für die Region sein.

„Es ist das erste Mal, dass die Führer darüber im Rahmen der Apec diskutieren“, beschreibt ein japanischer Diplomat die Bedeutung dieses Tagesordnungspunkts. Darüber hinaus wollen konkret über die Wege sprechen, wie das ultimative Fernziel, eine transpazifische Freihandelszone, erreicht werden kann.

Japans Regierung wenigstens unternimmt große Anstrengungen, dem Apec-Gipfel in dieser Frage Impulse zu geben. Noch vor dem Gipfel will die Regierung entscheiden, ob sie sich den Diskussionen um ein transpazifisches Partnerschaftsabkommen (TPP) anschließen soll. Bisher ist jede Diskussion über die TPP schon in Ansätzen an der mächtigen Landwirtschaftslobby gescheitert. Die malt bei einem Wegfall der Zollschranken für landwirtschaftliche Produkte den Untergang des heimischen Bauernstands an die Wand.

Diplomatisch wird das Treffen allerdings für die Gastgeber zu einem Eiertanz. Denn mit zweien der wichtigsten Gastländer, mit China und Russland, sind in den vergangenen Wochen lange schwelende Gebietskonflikte eskaliert. Es ist daher unsicher, ob Japans Regierungschef Naoto Kan Chinas Staatschef Hu Jintao und Russlands Präsident Dmitri Medwedew zu persönlichen Gesprächen treffen kann.

Politik: Der rechte Geist kriecht aus der Flasche - anti-chinesische Demonstration in Tokyo

Anti-chinesische Demos in Japan: Auf einer der anti-chinesischen Demos in Japan macht ein japanischer Demonstrant seine Sicht im jüngsten Konflikt deutlich. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Japanese_conservative_holds_a_placard_on_anti-Chinese_government_01.jpg
Anti-japanische Demonstrationen in China finden in Japan medial große Beachtung. Die anti-chinesischen Demonstrationen in Japan hingegen sind allenfalls Fußnoten in den Nachrichten, so die gestrige "Großdemo" in Tokio. Nach Schätzungen der Polizei waren 3800 Demonstranten anwesend - und etwa ein Viertel so viele japanische Fahnen.


Zum Auftakt der Veranstaltung wurde die Nationalhymne gesungen, dann sprachen die Redner, unter anderem der ehemalige Luftwaffengeneral Toshio Tamogami, der für seine öffentlich geäußerte revisionistische Sicht (die Besetzung Asiens durch Japan war zur Verteidigung der gelben Rasse gegen den weißen Mann etc.) aus dem Dienst entlassen worden war.


Tamogami ist dennoch gerne gesehen, als Redner, Kommentator und Lehrmeister. Seine Lehrvideos stehen sogar immer noch in den Supermärkten der Selbstverteidigungskräfte, hier im Bild ein Video im Supermarkt der Luftwaffe in Chitose (auf Hokkaido).
Rechte Propaganda: Der wegen revisionistischer Äußerungen gefeuerte Luftwaffengeneral Toshio Tamogami erfreut sich offenbar innerhalb der Selbstverteidigungskräfte noch eifriger Anhängerschaft. Hier ein Foto aus einem Supermarkt der Selbstverteidigungskräfte auf Hokkaido. by Martin Koelling


Neben den Aufforderungen an China, die Finger von den Senkaku-Inseln zu lassen wurde nebenbei auch für die Unabhängigkeitsbewegungen der Taiwanesen, Tibeter und Uighuren getrommelt.


Die Demos zeigen, dass es nicht nur in China überschießenden Nationalismus gibt. Der Rammstoß des chinesischen Kutterkapitäns gegen ein Schiff der Küstenwache wird von Japans Rechten zum "terroristischen Akt" erhoben.


Auf chinesischer Seite erzeugt dabei das Video von dem Vorfall, das dank der auf Youtube durchgeleckten Videos selbst in Japans Fernsehnachrichten inzwischen lang und schlapp rauf und runterberichtet wurde, keine Einsicht. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums gab zu Protokoll, dass es sich um einen illegalen Akt von Japans Küstenwache gehandelt habe, egal, was die Videos zeigten. 


Das muss er auch so sagen, denn die Videos zeigen, dass der Fischer die Küstenwache gerammt habe, und zwar mit Absicht, wie ein chinesischer Student im japanischen Fernsehen eingestanden hat.


Dennoch bleibt das ganze ein PR-Debakel der japanischen Regierung: Ok, sie hat es geschafft, dass China als weltweit als überzogen handelnder Buhmann da steht, der vertraglich zugesicherte Lieferung von wichtigen Seltenerden als diplomatisches Druckmittel einsetzt. Aber so weit hätte es wahrscheinlich gar nicht kommen müssen, hätten die Japaner nicht den Kapitän über Gebühr lange fest gesetzt.


Experten fragen sich inzwischen, warum Japan nicht einfach von Beginn an das Video veröffentlicht hat und den Kapitän mit dem Videobeweis an die Chinesen ausgeliefert hätte mit der Bitte um Aburteilung. Damit hätten Chinas Nationalisten weniger Zeit gehabt, eine neue anti-japanische Kampagne anzustacheln, und die japanischen Nationalisten hätten mit ihren Demos noch warten müssen. 


Nun aber scheint auch auf japanischer Seite der nationalistische Geist endgültig aus der Flasche gekrochen zu sein - und die Chancen, ihn wieder einzukorken, sind gering. Wie zum Beweis fährt nationalististische Lieder schmetternd ein Zug mit gepanzerten Lautsprecherwagen der Rechten auf der Straße vor meinem Apartment vorbei.

Freitag, 5. November 2010

News: Internet-Leck von Kutter-Rammstoß, Toyota hinkt hinter Suzuki her, Lebensversicherer Meiji Yasuda kauft sich in Deutschlands Talanx ein, Resona Bank schmiert ab

Die News, sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Japan hat nun seinen eigenen Internet-Leck-Vorfall.
Irgendwer hat die Videos vom Rammstoss des chinesischen Kutters gegen ein Schiff der japanischen Küstenwache ins Netz gestellt. Die Regierung wollte sie gerne unter Verschluss halten, wohl um vor dem Apec-Gipfel in Japan die hitzigen diplomatischen Probleme mit China abzukühlen.
* Ein Treffen von Ministerpräsident Kan mit Chinas Präsident Hu Jintao morgen in einer Woche wird nun immer schwieriger. Denn Chinas reagiert genervt. Japans Regierung sagt, man müsse die Echtheit der Videos prüfen. 
Missmanagement in Zeiten des Internetzeitalters pur.
Links zu Videos:
Hier der Link, Blick vom gerammten Schiff aus (mal sehen, wie lange er funktioniert):
Hier der Link, Blick vom Begleitschiff.

Unternehmen
Halbjahresbilanz Toyota
Toyota kehrt in der ersten Jahreshälfte in die Gewinnzone zurück, bleibt allerdings hinter seinen Rivalen in Sachen Profitabilität zurück. Zudem senkte der Konzern die Umsatzprognose leicht auf 19000 Mrd. Yen, erhöhte aber die Gewinnprognose um 50 Mrd. auf 380 Mrd. Yen. Selbst Suzukis Gewinnmarge liegt mit 5,2 Prozent über Toyotas runden drei Prozent. 
* An den Märkten mosern die Analysten inzwischen darüber, dass sich Toyota nicht so stark wie die Rivalen um Gewinnvermehrung kümmert. Der Vorwurf: Der Konzern zögere beim Abbau von Beschäftigung und Produktion in Japan, die für den Export beim jetzigen Wechselkursstand zum Dollar wenig einträglich ist.

Banken
Gerüchte um Kapitalerhöhung: Resonas Aktienkurs stürzt ab
Der Aktienkurs von Japans viertgrößter Bankengruppe Resona ist mit 16 Prozent gestern so stark abgesackt wie seit sieben nicht mehr. Auslöser waren Medienberichte, dass die Bank ihr Kapital durch die Ausgabe neuer Aktien um 600 Mrd. Yen erhöhen will, um mit den Geldern den Staat auszubezahlen. 
* Die vom Staat vor der Pleite gerettete Bank steht unter Druck, die staatlichen Finanzspritzen von geschätzt 1700 Mrd. Yen zurückzuzahlen. Ausserdem haben die anderen Megabanken die fast nur im Inland aktive Finanzgruppe mit großen Kapitalerhöhungen unter Zugzwang gesetzt, ebenfalls ihre Kapitalbasis zu verstärken. 

Nikkei: Meiji Yasuda Life kauft sich in dt. Versicherer ein
Nach einem Bericht der Zeitung Nikkei will die japanische Lebensversicherung Meiji Yasuda nächstes Jahr in Form von Wandelsanleihen 300 Mio. Euro in die deutsche Versicherungsgruppe Talanx investieren. Die Japaner wollen auch zwei Mitglieder in den Aufsichtsrat entsenden und planen, die Anleihe nach einem Börsengang von Talanx in Aktien umzuwandeln.
Mit ihrem größten Auslandsinvestment wollen die Japaner vor allem den noch wachsenden LV-Markt in Osteuropa anzapfen. 
* Und da beschwere sich noch mal jemand über den starken Yen. Denn im rechten Lichte betrachtet schmerzt er zwar die Exporteure bei Exporten, dafür erleichtert er jeder Menge anderer Firmen, die unter dem Druck stehen, ins Ausland expandieren zu müssen, Firmenkäufe in Übersee.

Videos: Chinesischer Kutter rammt Schiff der japanischen Küstenwache

Durch irgendein kleines Leck ist nun das Video über den Auslöser des jüngsten diplomatischen Konflikts zwischen China und Japan ins Netz gesickert.

In dem Video der japanischen Küstenwache ist hübsch zu sehen, wie der chinesische Fischkutter das Boot der Küstenwache rammt.
Hier der Link, Blick vom gerammten Schiff aus (mal sehen, wie lange er funktioniert):
http://www.dailymotion.com/video/xfitp1_2010-senkaku-boat-collision-incident-v5-japancoastguard_news

Hier der Link, Blick vom Begleitschiff.
http://www.youtube.com/watch?v=ymdtwN-nh4c&feature=related

Noch mehr Coverage hier:
http://www.youtube.com/user/newnihonsystem

In Japan ist die Aufregung nun groß - und wahrscheinlich auch in China. Denn das Video bestätigt die Darstellung von Japans Küstenwache.

Mittwoch, 3. November 2010

News: MUFG mit Mega-Banken-Deal, Sharps 3D-Handys kommen

Die News, sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom heutigen Feiertage:



Mega-Bankendeal: MUFG will RBS-Sparte kaufen
Nach Medienberichten will Japans größte Finanzgruppe MUFG für 4,5 Mrd. Euro das Projektmanagementgeschäft der Royal Bank of Scottland kaufen. Auf ihrem Weg zu einem globalen Player will die MUFG mit dem Zukauf ihre Position in der Projektfinanzierung stärken. 
Die RBS gilt als einer der führenden Projektfinanzierer der Welt. Ihre Stärken liegen Energie- und Infrastrukturprojekten in Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Die MUFG ist in diesen Regionen hingegen bisher nur schwach vertreten. 
* Die Japaner werden damit erneut zu einem Nutznießer der globalen Finanzkrise. So musste die RBS durch Regierungsgelder gerettet werden, die die klamme britische Regierung sich nun durch die Zerlegung der Bank zurückzuholen gedenkt. Verhandlungen zwischen den Japanern und der britischen Regierung, die 84 Prozent an der RBS hält, hatten bereits im April begonnen. MUFG hatte nach einer Prüfung vorigen Monat ihr Angebot vorgelegt. Insider erwarten, dass der Deal noch dieses Jahr unterzeichnet und 2011 über die Bühne gehen wird.


Technik
Sharps 3D-Handy kommt
Nintendos 3D-Display-Lieferant Sharp wird im Dezember mit dem Verkauf seines neuen 3D-Handys in Japan beginnen (einen kurzen Test der Technik habe ich auf TechWatcher Asia online gestellt). Anbieter wird der Handynetzbetreiber Softbank, der in Japan auch die Vertriebsrechte für Apples iPhone besitzt. Der auf der Ceatec gezeigte Prototyp deutet darauf hin, dass das Smartphone auch mit einer 3D-Kamera ausgestattet sein wird.

* Wie schon im Ceatec-Blog beschrieben, beginnt damit nach ersten gescheiterten Versuchen die 3D-Ära fürs Handy. Erste 3D-Handys der Japaner floppten noch jämmerlich, weil die Auflösung der Displays zu gering und die Handys durch die Bauart des Bildschirms zu dick waren.
Doch Sharps neue Displays sind nicht mehr dicker als andere normale Touchscreens und verfügen über eine so hohe Auflösung in 2D, das auch noch bei der für 3D zwangsläufigen Halbierung die Bilder scharf genug bleiben. Nintendo wird die Displays daher in seiner kommenden portablen Gamekonsole 3DS einsetzen. 

Dienstag, 2. November 2010

News: Gebietsstreit zwischen Japan und Russland eskaliert, VW-Partner Suzuki verdoppelt Gewinne, Hitachi schafft die Wende

Die News vom Tage, sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:



Politik
Territorialkonflikt
Diplomatische Krise zwischen Russland und Japan eskaliert
Japan wird seinen Botschafter aus Russland abziehen, kündete heute Japans Außenminister Seiji Maehara in Tokio an. Mit dieser harschen Geste protestiert Japan gegen den ersten Besuch eines russischen Präsidenten auf den südlichen Kurilen, die Japan für sich beansprucht. Dmitrij Medwedjew hatte gestern die Insel Kunashiri besucht, die nur 16 Kilometer von der japanischen Küste entfernt liegt und in Japan als integraler Teil seines Terroritoriums gilt.
* Durch den Besuch des russischen Präsidenten sind de facto alle bisherigen Diskussionen über den seit Kriegsende schwelenden Territorialkonflikt beendet. Dies ist ein schwerer außenpolitischer Schlag für die Regierung von Naoto Kan, die schon wegen ihrer Reaktion auf in einem Terrotorialkonflikt mit China innenpolitisch in der Kritik steht.

Halbjahresbilanz 
Suzuki - Verdopplung der Gewinne
Suzuki beweist seinen Wert für den Partner VW. Der Kleinwagenhersteller verdoppelte in der ersten Hälfte des Bilanzjahres seine Gewinne. 
* Mit einer operativen Gewinnmarge von fünf Prozent gehört Suzuki nun zu den profitabelsten Autobauern Japans. Nicht schlecht für ein Unternehmen, das nur billige Kleinwagen herstellt. Motor des Erfolgs ist Suzukis starke Stellung in Indien, wo der Konzern mit einem Marktanteil von 50 Prozent Marktführer ist.
Gut unterwegs ist auch die Marke Subaru. Der Hersteller Fuji Heavy hat heute seine Gewinnprognose für das bis Ende März laufende Bilanzjahr 2010 auf 50 Mrd. Yen verdoppelt.

Hitachi: Sanierungsfall schafft die Wende
Der japanische Mischkonzern Hitachi hat nach verlustreichen Jahren die Wende geschafft. Das Unternehmen fuhr einen Halbjahresgewinn von 158 Mrd. Yen ein und hat damit seine Gewinnprognose fürs Gesamtjahr bereits zu 75 Prozent erfüllt. 2009 erlitt der Konzern noch den höchsten Verlust eines Industrieunternehmens in der japanischen Geschichte.


Südkorea
Zweitgrößte Bank unter Korruptionsverdacht
Die Staatsanwaltschaft hat heute Büros von drei früheren und amtierenden Top-Managern der Shinhan Bank durchsucht. Ihnen wird Korruption und Veruntreuung vorgeworfen. 
Damit dehnt die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in dem Skandal von Südkoreas zweitgrößter Bank aus. 

Tech-Blog: Wie Digitaltechnik Nordkorea für Reporter öffnet

Meine wöchentliche Kolumne auf Technology Review ist diese Woche bereits heute erschienen. Das Thema ist diesmal, wie Technik die Verbreitung von Untergrundjournalismus in Nordkorea erlaubt. Der Beitrag basiert auf einer Buchvorstellung von Jiro Ishimura, dem Gründer des Journalistennetzwerks AsiaPress, am Montag im Foreign Correspondents' Club of Japan.
AsiaPress hat inzwischen sechs nordkoreanische "Journalisten", die in Text, Foto und Film direkt vom Leben der Nordkoreaner berichten.
Die Bilder, die Ishimura gezeigt hat, sind eindrucksvoll. Hier finden sich ein paar...
AsiaPress hat nun einen Teil ihrer Geschichten in dem Buch "Rimjin-gang" auf englisch veröffentlicht.
Für 9000 Yen kann man es direkt beim Verlag bestellen. 

Montag, 1. November 2010

Technik: Nissans neuer Schritt zum iCar

Nissan hat heute zwei weitere Schritte für die Evolution des Autos zum Gadget vorgestellt:
1. Eine interaktive Info- und Kommunikationsschnittstelle für seine eAutos,
2. eine neue eAuto-Studie: einen Zwei-Sitzer, der Pendlern morgens und mittags zur Fahrt zum Bahnhof dient und dort tagsüber von anderen Personen als Unternehmensauto genutzt werden kann. 
Mehr dazu hier auf TechWatcher Asia ... .