Posts mit dem Label Atomkraft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Atomkraft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 1. März 2012

Besuch im AKW Teil 2: Die Strahlungskarte

Am Mittwoch ist im Handelsblatt meine Reportage über den Besuch im AKW Fukushima 1 erschienen.
Am Donnerstag folgt zusätzlich zu meinem wöchentlichen Blog Feature mit den technischen Details über den Arbeitsalltag zwischen Atomruinen auf Technology Review (www.heise.de/tr).


Dies ist unsere Reiseroute mit den unterschiedlichen Strahlendosen. Merke: Die Unterschiede sind enorm.
Wie ich beschrieben habe, können die Retter mit der Strahlung inzwischen relativ routiniert umgehen, solange die nukleare Brennstoff in den Sicherheitsbehältern oder den Abklingbecken bleibt und nicht an die frische Luft gerät. Und der Umgang besteht darin, die Arbeitszeit je nach Strahlenlage zu dosieren.

Die Arbeitszeit schwankt zwischen Null (im Falle von hochradioaktiven Arealen), zu 2 Minuten, oder für die meisten Arbeiter zwei mal zwei Stunden pro Tag.

Die Radioaktivät auf dem Gelände schwankt dabei extrem zwischen 6 Mikrosievert pro Stunde an einer Pumpe neben den Meilern 5 & 6 (die nur deshalb noch heil aussehen, weil einer von 13 Notstromaggregaten nach dem Tsunami noch funktioniert hat) und 1500 Mikrosievert, als wir seeseitig am Reaktor 3 vorbei fuhren. Dies entspricht einer Strahlendosis von 8760 Millisievert pro Jahr. Der Grenzwert für Evakuierung liegt in Japan bei 20 Millisievert.

Dienstag, 28. Februar 2012

Besuch im AKW Fukushima 1

Mit einer Gruppe von ausländischen Journalisten habe ich heute die Atomruinen des AKW Fukushima 1 besucht. Das Foto zeigt mich im Tyvek-Anzug vor der Abfahrt zum AKW.

Hier noch ein Foto von meiner vollen Strahlenschutzausrüstung. Sie ist nur etwas dicker als Papier.


Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in 20 Meter Entfernung am Reaktor 3 entlangzufahren, der so stark strahlt, dass bis heute kein Arbeiter ihn betreten kann. Dies führte mir krass vor Augen, was ich bisher schon wusste: Radioaktivität ist eine Gefahr, die wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen, sondern nur rational verstehen lernen können.

In den kommenden Tagen werde ich mehrere Aspekte des Alltags im Strahlenland in Artikeln beschreiben. Sofern vorhanden, werde ich die Links der Artikel hier online stellen.

Mein Dosimeter gab im übrigen an, dass ich während des ungefähr drei Stunden dauernden Aufenthalts auf dem AKW-Gelände 41 Mikrosievert an Strahlung abbekommen habe.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Ein Gedicht aus Fukushima

Marika Yoshida hat in einem Gedicht ihre komplizierten Gefühle zu Papier gebracht. Ich mag es, da es sich so wohltuend von der oft holzschnittartigen Berichterstattung abhebt. 
My living in Fukushima

To live in Fukushima, to me

It means, no more opening the window and taking a deep breath every morning

It means, no more drying our laundry outside

It means, to discard the vegetables grown in our garden

It means, to feel a pang at the sight of my daughter leaving the house with a mask and a dosemeter on, without even being told

It means, not to be able to touch this whitest snow

It means, to get slightly irritated sometimes when I hear the “Fight on, Fukushima” slogan

It means, to notice that I became to breathe shallowly

It means, to tell someone that I live in Fukushima and not be able to help adding “but our area’s radiation is still low…”

It means, to feel that now exist 福島 (Fukushima in Chinese characters) and FUKUSHIMA

It means, to get angry when someone tells us to “stay” feeling “What do you think of our lives?,” and to get angry when someone tells us to “flee” feeling “Don’t say it so easily! It’s not that simple!”

It means, to worry if my 6-year-old girl can get married in the future

It means, to feel like abandoning my responsibilities for having chosen to live in Fukushima

It means, to renew a deep understanding in my gut every morning that our daily lives stand on the thin-ice-like “safety,” which is kept on the sacrifices and efforts of others.

It means, to think every night that I might have to leave this house tomorrow and go far away

It means, to still pray every night that we could live in this house tomorrow

First and foremost, I pray for the health and happiness of my daughter

I cannot forget that black smoke

I want someone to understand that we still live happily more or less, nonetheless

I get furious, everyday

I pray, everyday

I have no intention to represent Fukushima. This is what to live in Fukushima means to me, only to me.

Today is the 10-month anniversary for Fukushima.

An der Grenze zum Niemandsland

Dies ist ein Checkpoint an der Grenze zur Evakuierungszone in Minami-Soma, 20 Kilometer nördlich vom AKW Fukushima 1. Es herrscht mehr Betrieb als ich gedacht hatte. Circa 300 bis 400 Autos mit Arbeitern, aber auch evakuierten Bewohnern der Zone passieren den Wachposten täglich, sagte mir ein Polizist. Die Botschaft: Das Leben "normalisiert" sich. Wer nicht weggelaufen ist, beginnt bewusster mit der Strahlung zu leben. 
Im Zentrum Minami-Somas fällt es leichter als in einigen Stadtteilen der Präfekturhauptstadt Fukushima, die 60 Kilometer von den Reaktoren entfernt liegt. Denn an der Küste ist die Jahresdosis mit derzeit etwa drei Millisievert relativ gering. In Fukushimas Stadtteil Watari werden örtlich Werte gemessen, die deutlich darüber liegen. Kinder dürfen dort noch immer nicht draußen spielen. Denn die radioaktive Wolke zog westlich an Minami-Soma vorbei, aber über Fukushima hinweg.

Dienstag, 31. Januar 2012

Dosimeter im Convenience Store

Ich bin gerade von einer Recherchereise aus Fukushima zurückgekehrt und verstrahle eine gewisse Zuversicht, dass die Menschen das Leben stärker in ihre eigenen Hände nehmen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, nachdem die Hauptstadt mit ihrem politischen Schmierentheater sie im Stich gelassen hat. Die Bewohner beginnen in gewisser Weise mit der Radioaktivität zu leben und sehr rational auseinanderzusetzen.
Wenig hilfreich ist dabei allerdings ein Fundstück, dass ich in einem Lawson-Store in Minami Soma aufgetan habe: ein scheckkartengroßes Dosimeter, dessen Anzeige bis 10000 Millisievert reicht. Ein Klick auf das Bild sollte es vergrößern.

Wenn sich der Streifen deutlich wahrnehmbar verfärbt, ist es schon recht schlecht um einen bestellt. Die kleinste Einheit ist 20 Millisievert. Und selbst bei 50 Millisievert muss man schon sehr genau hingucken, um einen Wandel im Farbstreifen zu bemerken. Und um 50 Millisievert einzusammeln, muss man schon recht lange in der Evakuierungszone campen oder ungeschützt an den Reaktoren herumturnen. Kostenpunkt des nutzlosen Gimmicks: rund 4000 Yen.

Hier noch zwei Links:
> Zu einem Gedicht, dass die komplexe Gefühlslage der Bewohner Fukushimas zeigt.
> Zu einem Foto von der Grenze zum Niemandsland

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Die Sonne vor Fukushima

Der vorweihnachtliche Blogbeitrag auf Technology Review widmet sich an diesem Donnerstag einem ganz persönlichen Geschenkwunsch: ein Interview mit meinem Namensvetter in unserer beider Geburtsstadt Bremen, mit Martin Kölling, Geochemiker vom Marum in Bremen (rechts). 
Neben unserem persönlichen Treffen gab es einen weiteren Höhepunkt: die Führung durch das Bohrkernlager. 
Und hier besonders der Bohrkern 1049 B aus dem Jahr 1997 aus dem Golf von Mexiko, der einen perfekten Längsschnitt durch die Kreide/Tertiär-Grenze zeigt.
Ein Meteoriteneinschlag in der mexikanischen Halbinsel Yucatán soll diese gelbliche Schicht und das Sauriersterben verursacht haben. Die Schicht unterbricht das Grau der normalen Sedimente recht dramatisch. In den alten Sedimenten (am rechten Bildrand) sind sogar noch Spuren der Kompression und der Tsunamis zu erkennen, die die Meere und Sedimente nach dem Einschlag umgepflügt haben.
In dieser Röhre steckt der Kern. 


Und der Herr der Kerne ist Alex Wülbers. Er sortiert tausende dieser zur Hälfte aufgeschnittenen und eingepackten Sedimentproben seit Jahren und sorgt dafür, dass Bohrkern 1049B nicht zu einfach zu finden ist. An diesem Vorweihnacht-Dienstag musste er ihn schon einmal zeigen.
Da der Kern so beliebt ist, sollte er vielleicht wie eine Reliquie eingeschreint und im Foyer des Marum aufgestellt werden. Nicht nur Ozeanographen und Dino-Fans dürften für einen steten Pilgerstrom sorgen. Besonders in einem Zeitalter, in dem mal wieder auf den Weltuntergang gewartet wird, könnte der Bohrkern zu einem Symbol der Hoffnung werden: Schlimmer geht's immer, aber es ist nicht das Ende der Welt (wie das Dasein des Homo Sapiens beweist).

Das Marum ist übrigens eine von weltweit drei Lagerstätten für Bohrkerne des Integrated Ocean Drilling Program. Die anderen zwei sind im japanischen Kochi und in Texas/USA wie die selbstgemachten Weltuhren der Forscher im Marum zeigen.

Ein Clou auf dem kommenden Einsatz des Forschungsschiffs Sonne vor der Küste Fukushima ist dieser ferngelenkte Tauchroboter namens Quest. Am 8. März beginnt die Mission in Yokohama. Das Forschungsschiff kreuzt ohnehin gewöhnlich durch asiatische Gewässer.

Ein anderer Hauptakteur wird dieser gelbe Torpedo, das AUV. Es wird autonom über den Meeresgrund surren und die Topographie weit genauer erfassen als es von einem Schiff möglich wäre.

Mittwoch, 16. März 2011

Wie groß ist die Strahlengefahr in Tokio?

Es sieht schlimm aus in Fukushima. Die Experten rechnen sogar den Fall durch, dass es bei drei Reaktoren zur Kernschmelze mit anschließender Explosion kommt. Ich habe nun eine Mail mit einer Stellungnahme von britischen Strahlenexperten erhalten. Danach sieht es für die Präfektur Fukushima schlimm aus. Selbst in den und die beiden größten Städte der Region, Koriyama und Fukushima, ist die Gefahr groß. Fukushima liegt ungefähr 70 Kilometer von den Reaktoren entfernt, Koriyama 60 Kilometer. 

Aber einer Mitschrift von einem Briefing von britischen Strahlenschutzexperten (siehe unten) besteht für Tokio keine unmittelbare und nicht einmal mittelbare Gefahr. 

Hier ist die Mitschrift auf Englisch, unkommentiert.
Subject: Making sense of it all

I have just returned from a conference call held at the British Embassy in Tokyo. The call was concerning the nuclear issue inJapan. The chief spokesman was Sir. John Beddington, Chief Scientific Adviser to the UK Government, and he was joined by a number of qualified nuclear experts based in the UK. Their assessment of the current situation in Japan is as follows:
* In case of a 'reasonable worst case scenario' (defined as total meltdown of one reactor with subsequent radioactive explosion) an exclusion zone of 30 miles (50km) would be the maximum required to avoid affecting peoples' health. Even in a worse situation (loss of two or more reactors) it is unlikely that the damage would be significantly more than that caused by the loss of a single reactor.
* The current 20km exclusion zone is appropriate for the levels of radiation/risk currently experienced, and if the pouring of sea water can be maintained to cool the reactors, the likelihood of a major incident should be avoided. A further large quake with tsunami could lead to the suspension of the current cooling operations, leading to the above scenario.
* The bottom line is that these experts do not see there being a possibility of a health problem for residents in Tokyo. The radiation levels would need to be hundreds of times higher than current to cause the possibility for health issues, and that, in their opinion, is not going to happen (they were talking minimum levels affecting pregnant women and children - for normal adults the levels would need to be much higher still).
* The experts do not consider the wind direction to be material. They say Tokyo is too far away to be materially affected.
* If the pouring of water can be maintained the situation should be much improved after ten days, as the reactors' cores cool down.
* Information being provided by Japanese authorities is being independently monitored by a number of organizations and is deemed to be accurate, as far as measures of radioactivity levels are concerned.
* This is a very different situation from Chernobyl, where the reactor went into meltdown and the encasement, which exploded, was left to burn for weeks without any control. Even with Chernobyl, an exclusion zone of 30 miles would have been adequate to protect human health. The problem was that most people became sick from eating contaminated food, crops, milk and water in the region for years afterward, as no attempt was made to measure radioactivity levels in the food supply at that time or warn people of the dangers. The secrecy over the Chernobyl explosion is in contrast to the very public coverage of the Fukushima crisis.
* The Head of the British School asked if the school should remain closed. The answer was there is no need to close the school due to fears of radiation. There may well be other reasons - structural damage or possible new quakes - but the radiation fear is not supported by scientific measures, even for children.

* Regarding Iodine supplementation, the experts said this was only necessary for those who had inhaled quantities of radiation (those in the exclusion zone or workers on the site) or through consumption of contaminated food/water supplies. Long term consumption of iodine is, in any case, not healthy. The discussion was surprisingly frank and to the point. The conclusion of the experts is that the damage caused by the earthquake and tsunami, as well as the subsequent aftershocks, was much more of an issue than the fear of radiation sickness from the nuclear plants. Let's hope the experts are right!"


Für Medienkontakte
Private Kontakte mögen bitte den Blog oder meinen Twitter-Feed checken. Ich versuche Updates aus Tokio zu geben.


Ich bin erreichbar unter
1. Handy: +81-80-4343-8072

2. Falls das nicht funktioniert (weil zum Beispiel das Handynetz überlastet ist)
Foreign Correspondents's Club of Japan +81-3-3211-3161
Die Rezeption ruft mich aus, ich komme, wenn ich da bin.


+++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++
 Follow Martin Kölling on twitter.com/martin_koelling

Montag, 14. März 2011

Erdbeben erschüttert Japans Energiepolitik

Ein möglicher Gau im Bebenreaktor von Fukushima erschüttert die Grundlagen von Japans Energiepolitik: die Mär von absoluten Erdbebensicherheit von Japans Atomreaktoren.

Masashi Goto haftet wahrlich nicht der Geruch eines Kernkraftgegners an. Bis vor eineinhalb Jahren war er nach eigener Aussage Gruppenleiter für das Design von Reaktorsicherheitsbehältern beim Kraftwerksbauer Toshiba, der den Krisenreaktor in Japans Erdbebengebiet gebaut hat. Doch gestern warnte er öffentlich vor der Gefahr eines zweiten Tschernobyl. Er halte die Gefahr zwar für sehr gering, aber sollten alle Kühlungsversuche versagen, könnte eine Kernschmelze einer gewaltigen Dampfexplosion führen. Radiokativität könnte weit über den bisherigen 20-Kilometer weiten Sperrbezirk oder 50 Kilometer verteilt werden. „Meine große Sorge ist allerdings, dass eine Explosion in einem auch die anderen Meiler berühren könnte“, sagt Goto. Im schwersten betroffenen Kraftwerkskomplex Fukushima 1 stehen die drei aktiven Reaktoren dicht nebeneinander. Und bei allen gibt es Probleme mit der Kühlung des Kerns, weil die Energieversorgung der Notgeneration fürs Kühlsystem teilweise unterbrochen war.

Goto ist der erste Fachmann aus der Industrie, der öffentlich über einen Super-Gau spricht. Es ist seine Art des Protests gegen die Informationspolitik der Regierung und der Medien, die die Bürger bisher nicht mit dem Durchspielen von Horrorszenarien belasten. Die Situation in den von einem Megabeben beschädigten zwei Kernkraftwerkskomplexen in Fukushima sei unter Kontrolle. Eine Gefahr der Überhitzung bestünde nicht, so Offizielle. "Die Regierung erklärt die Situation nicht offen genug", kritisiert Atsushi Yamada, Journalist der Zeitschrift Aera.
Bislang mahnt nur das „Citizen's Nuclear Information Center“ (CNIC), eine kleine, aber hochangesehene Bürgergruppe, vor den Gefahren. „Von den zehn Meilern der zwei Anlagen besteht bei sieben zumindest die Möglichkeit einer Kernschmelze", sagt CNIC-Chef Hideyasu Ban, früher Mitglied der japanischen Atomplanungskommission.  Die anderen drei nicht betroffenen Meiler waren gerade abgeschaltet, als das Beben und der vernichtende Tsunami trafen.
Der Meiler eins der sechs Meiler vom Kraftwerkskomplex Fukushima 1 konnte nur durch verzweifelte Notoperationen am Durchbrennen gehindert werden. Erst ordnete die Regierung an, radioaktives Gas abzulassen. Dann ließ sie mit Bor versetztes Meerwasser in den Kern und den Sicherheitsbehälter pumpen. Damit kann dieser Meiler niemals mehr ans Netz gehen. Nun hat die Regierung auch den Meiler 3 auf gleiche Weise geopfert, weil die Kühlung ausgefallen war. Sogar der vorsichtige Kabinettamtschef Yukio Edano hat zugegeben, dass sich die Brennstäbe in dem Reaktor bereits verformt hätten. 
Noch besteht wie gesagt keine unmittelbare Gefahr. "Wir sind noch weit von einem Tschernobyl-Szenario entfernt", sagt ein Experte im Außenministerium. Andere Experten sagen, dass der Fall-out selbst bei einer Explosion räumlich weit beschränkter als in Tschernobyl sein würden. Aber schon die entfernte Möglichkeit eines Gau reicht, damit die deutsche und die französische Botschaften fordern ihre Bürger mehr oder weniger direkt zum Verlassen der Region Tokio auf. 
Die deutsche Botschaft schreibt auf ihrer Homepage: „Die Botschaft empfiehlt, die japanischen Medien aufmerksam zu verfolgen. Sie empfiehlt ferner allen Deutschen im Krisengebiet und im Großraum Tokyo/Yokohama zu prüfen, ob ihre Anwesenheit in Japan derzeit erforderlich ist, und, wenn dies nicht der Fall sein sollte, ihre Ausreise aus dem Land in Erwägung zu ziehen. Dies gilt insbesondere für Familien mit kleinen Kindern.“ Frankreich tut das gleiche, mit Hinweis auf ein mögliches Großbeben im Raum Tokio.
Ein aus Bans Sicht willkommenes Opfer könnte allerdings das ehrgeizige Atomprogramm der Regierung werden. Seit Jahrzehnten setzt Japans auf Atomkraft, um das ressourcenarme Land unabhängiger vom Öl zu machen – allen Warnungen vor Erdbeben zum Trotz. 55 Meiler produzieren 34 Prozent des Stroms für Asiens zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Die Regierung will den Anteil mittelfristig auf 40 Prozent und langfristig auf 70 Prozent erhöhen. 
Kritik wurde unterdrückt, obwohl schwere Unfälle die Skepsis in der Bevölkerung haben steigen lassen. 1994 kam es im experimentellen Schnellen Brüter zu einem schweren Brand. 1999 kam es im Atomforschungszentrum zu einer nuklearen Kettenreaktion, als drei Mitarbeiter ungesichert hochangereichertes Uran zusammenrührten. 2007 gab es sogar eine regelrechte Generalprobe für das heutige Desaster. 
Direkt unter dem größten Kraftwerkskomplex der Welt in Kashiwazaki-Karima in der Präfektur Niigata bebte die Erde und zwar dreimal stärker als das maximal für möglich gehalten Beben. Es brannte auf dem Reaktorgelände, Radioaktivität trat aus. Doch nichts schlimmes passierte. Die Regierung sah sich in ihrer Mär von der Erdbebensicherheit bestätigt und forcierte den Ausbau der vermeintlich so sauberen Energie. 
Diesmal allerdings war das Beben nicht nur dreimal, sondern 10 mal stärker als für möglich gehalten. Und die Reaktoren haben nicht standgehalten. Zum Glück bläst der Wind in Richtung Meer. Ban von CNIC fordert daher den Einstieg in den Ausstieg. Vielleicht werden ihn die Japaner diesmal anhören. denn die Japaner versetzt das Drama am Meiler in Fukushima wirklich in Angst. 


(PS bitte tippfehler zu entschuldigen)
+++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ +++ Follow Martin Kölling on twitter.com/martin_koelling Mehr über Technik auf TechWatcher-Asia.com

Mittwoch, 31. März 2010

Tech-Blog: Nuklearer Klimaschutz - und was der Monju-Reaktor mit Industriepolitik zu tun hat

Mein Tech-Blog auf Technology Review läuft diesmal wieder am Mittwoch. 
Thema ist diesmal Japans Klimaschutzprogramm.


Aus gegebenen Anlass,
hier ein Update zum Monju-Reaktor.
Unter dem Eintrag steht noch eine Link-Sammlung zu früheren Monju-Texten.


Monju bleibt vorerst offline
Das Prestigeprojekt der japanischen Atomindustrie, der Neustart des schnellen Brüters Monju nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause, verzögert sich weiter. Wegen eines politischen Fingerhakelns zwischen der Präfektur Fukui und der Zentralregierung konnte der umstrittene Versuchsreaktor nicht im März in Betrieb genommen werden.


Wie lange sich der Neustart hinauszögern wird, vermag derzeit keiner der Beteiligten zu sagen. Die Betreiber haben zwar die gesetzlichen Hürden gemeistert, aber Issei Nishikawa, der Gouverneur von Monjus Heimatpräfektur Fukui will nach Aussagen von Insidern seine Zustimmung gegen weitere Zugeständnisse der Regierung wie einen Anschluss an Japans Shinkansen-Netz verkaufen.


Für die Regierung ist die erneute Verschiebung ein kleiner Gesichtsverlust. Denn der Monju-Reaktor ist das Symbol für Japans ambitionierte Atomenergiestrategie: Das Land will sich in der globalen Renaissance der Atomkraft nichts weniger als die industrielle Führungsrolle sichern. Nach Angaben der internationalen Atomenergiebehörde befinden sich derzeit weltweit 56 Atomkraftwerke (Akw) in Bau oder Planung, ein Großteil davon in den USA und den Schwellenländern Indien und China. Und im Kampf um diese Aufträge ist Japan mit gleich drei internationalen Kraftwerksbauern so gut aufgestellt wie kein anderes Land.


Toshiba hat seine globalen Ambitionen durch den Kauf des US-Unternehmens Westinghouse unterstrichen, Hitachi durch einen Bund mit GE. Mitsubishi Heavy Industries wiederum kooperiert mit Frankreichs Areva in einigen Regionen bei der Entwicklung von Akws. Zudem sind die Japaner nach Frankreichs Ausstieg die einzigen Anbieter, die aktiv Brutreaktoren weiter entwickeln, die nicht nur Strom, sondern auch neues spaltbares Material erzeugen. Nach den amtlichen Plänen soll bis 2025 der erste Demonstrationsreaktor fertig gestellt und ab 2050 mit der Vermarktung begonnen werden.


Doch die Japaner spüren bereits den Atem der verbleibenden Konkurrenten im Nacken, namentlich der russischen Atomindustrie und vor allem des Neulings Südkorea. Die koreanische Atomallianz aus einem Stromkonzern und Kraftwerksherstellern hat sich jüngst ihren ersten Großauftrag über den Bau von Akws in den Vereinigten arabischen Emiraten im Wert von 40 Milliarden Dollar gesichert.


Nach der Einschätzung von Shunsuke Kondo, dem Vorsitzenden der japanischen Atomernergiekommission, unterscheiden sich die Chancen von Japans Atomindustrie allerdings je nach Region deutlich. Dank ihrer lokalen Bündnispartner haben die Japaner gute Chancen, von der energiepolitischen Wende in den USA zu profitieren. Nach einer 30-jährigen Abstinenz im Akw-Bau will die Regierung in den kommenden drei Dekaden 30 Meiler neu bauen. Um dieses Volumen konkurrieren die Japaner nur untereinander und mit Areva.


Gutes Geschäft verspricht auch der Heimatmarkt. Japans Regierung will die bestehenden 54 Reaktoren um neun weitere ergänzen, um Kohlendioxidemissionen und Japans Abhängigkeit von Energieimporten zu senken. Der Anteil von Akws an der Stromerzeugung soll so bis 2030 von 30 auf 49 Prozent erhöht werden.
In den restlichen Märkten stehen die Hersteller allerdings vor großen Herausforderungen. Die Regierungen in den viel versprechendsten Wachstumsmärkten China und Indien wollen aus militärischen Gründen ihre eigene Atomindustrie aufbauen. Ausländische Hersteller sind daher nur in der Anfangsphase genehm – wenn sie denn gleichzeitig ihre Technik übergeben. In diesen Ländern rät Kondo der japanischen Industrie dazu, sich auf die Rolle als Zulieferer von Material und Geräten zu beschränken.


Und in den anderen Märkten Asiens und des Nahen Ostens sind die Südkoreaner dank eines neuen Geschäftsmodells plötzlich zu formidablen Rivalen aufgestiegen. Im Gegensatz zu Areva und den Japanern, die Anlagen liefern, bieten sie ihren Kunden an, die Kraftwerke nicht nur zu bauen, sondern auch zu betreiben und nach einer festgelegten Dauer zu übergeben (BOT, Built, Operate, Transfer). Dies ist für Länder mit beschränkten Knowhow in der Atomenergie attraktiv. Japans Atomindustrie und Strombetreiber überlegen bereits, ein ähnliches Konzept aufzulegen, um ihre Chancen in Südostasien zu stärken.


Die unendliche Geschichte des Monju-Reaktors
1983 wurde die Baugenehmigung für den Schnellen Brüter erteilt, der nach Monju (Sanskrit: Mañjuśrī), dem buddhistischen Bodhisattwa der reinen Weisheit benannt wurde. Nach einigen Monaten am Netz trat im Dezember 1995 durch ein Leck im sekundären Kühlkreislauf das Kühlmittel, flüssiges Natrium, aus, und verursachte einen schweren Brand. Da die Betreiber erst mit 90 Minuten Verzögerung den Reaktor abschalteten und zudem versuchten, dass Ausmaß des Unfalls zu vertuschen, wurde das Vertrauen der Japaner in die Atomindustrie bis heute nachhaltig erschüttert. Nach einer Umfrage der Regierung standen 2009 noch immer 54 Prozent der Bevölkerung Akws skeptisch gegenüber. Seit 2003 bemühte sich die Regierung, Monju im Jahr 2008 wieder ans Netz zu bringen. Doch immer wieder wurde der Neustart verschoben. 


Links:
23.3.2010    Bill Gates und Toshiba brüten an Brütertechnik ...
24.3.2010    Tech-Blog: Unfertig ausgebrütet
24.3.2010    Chronik des Schnellen Brüters Monju
25.3.2010    Replik: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet

Donnerstag, 25. März 2010

Tech-Blog: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet

Ein Leser meines Blogs auf Technology Review über Bill Gates's Atomprojekt TerraPower und den Monju-Reaktor  beklagte sich gestern, dass ich keine Gründe für Japans Festhalten an der Brütertechnik aufgeführt hätte, die die Kosten in den Augen der Planer rechtfertigen würden.

Das stimmt und hat einen Grund. Mit einer Wirtschaftslichkeitsrechnung kommt man bei einem Zeitrahmen von 40 Jahren (von heute aus gerechnet) und von 70 Jahren (von der Baugenehmigung für Monju aus gerechnet) bis zum erhofften Start der Kommerzialisierung der Technik im Jahr 2050 nicht weit.

Kein wirtschaftlich denkender Kraftwerksbetreiber ist bereit, die Technik aus eigener Kraft zu entwickeln. Selbst die Franzosen sind ausgestiegen. Es handelt sich daher m.E. nur um eine strategische Entscheidung, die sich nicht direkt in Geld aufwiegen lässt. Darum habe ich im Blogeintrag darauf verzichtet, liefere aber hier gerne ein paar Gründe nach, die auch im Forum zum Blog nachzulesen sind:
(Eine Chronik des Monju-Reaktors gibt es weiter unten im Blog oder direkt hier...)

1. Industriestrategie: Japans Regierung will den drei lokalen Kraftwerksbauern Know-how auch in der Brütertechnik verschaffen. Solange kein anderes Land in die Technik wieder einsteigt, sind Japans Hersteller die einzigen weltweit, die über Know-how in allen Reaktortypen verfügen. Japan betreibt auch einen experimentellen Hochtemperaturreaktor. Der Weltmarkt lockt.

2. Energiestrategie: Japans Regierung will durch den Ausbau der Atomkraft und ab 2050 durch Brutreaktoren die bisher hohe Abhängigkeit von Energieimporten senken.  Dazu versucht das Land, den nuklearen Brennstoffkreislauf zu schließen, siehe Monju und die  Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho (eine weitere müsse noch gebaut werden, da Rokkashos Jahreskapazität
von 800 Tonnen nicht ausreicht, um die jährlich anfallenden 1000 Tonnen an abgebrannten Nuklearbrennstoff wiederaufzubereiten, sagte gestern der Vorsitzende von Japans Atomenergiekommission Shunsuke Kondo).
Plutonium genug hat das Land ja inzwischen aufgehäuft (wie im Blog beschrieben). Und durch schnelle Brüter könnte das Land immer weiter spaltbares Material erzeugen, das vorhandene Material deutlich effektiver nutzen  und so seine Energieversorgung auf Jahrhunderte sichern. (Kondo betonte heute im Gespräch, dass Leichtwasserreaktoren nur ein Prozent des Potenzials von Uran nutzen würden, schnelle Brüter hingegen 70 bis 80 Prozent.)
In einem ersten Schritt will Japan das Plutonium in Mox-Brennelementen (Mox steht für Mischoxid) in Leichtwasserreaktoren verfeuern und die abgebrannten Brennstäbe zwischenlagern, bis die schnellen Brüter ab 2050 ans Netz gehen. Bis 2100 sollen die schnellen Brüter etwa 70 Prozent des Stroms produziern, entnehme ich einer von Kondos Grafiken.

3. Klimapolitik: Die Atomlobby glaubt, dass Japan nur mit Hilfe der Atomkraft die CO2-Senkungsziele der neuen Regierung (bis 2020 minus 25 Prozent im Vgl. zu 1990) erzielen kann. Acht Prozent sollen vom Ausbau der Atomkraft stammen (neun neue Reaktoren, Anhebung der
Kapazitätsauslastung von derzeit 60 auf 80 Prozent). Bis 2030 soll der Anteil der Akws an der Stromerzeugung von derzeit 30 auf 49 Prozent ausgebaut werden, so Kondo.

4. aber darüber spricht man nicht offiziell, Militärstrategie: Japans Aussenpolitik beruht zwar seit den 1960er Jahren auf den drei nichtnuklearen Prinzipien (weder Atombomben zu entwickeln, zu produzieren noch im Land zu stationieren). Aber das Land besitzt über das Know-how und die Raketen, innerhalb kurzer Zeit zu einer Atommacht aufzusteigen. Ob es sich um Wochen, Monate, ein Jahr oder mehrere Jahre handelt ist umstritten, nicht aber die Möglichkeit.
Dazu wird die atomare Bewaffnung immer offener diskutiert. Selbst ehemalige Ministerpräsidenten haben inzwischen gesagt, dass Japan trotz seiner pazifistischen Verfassung auch Atombomben besitzen dürfte - als Verteidigungswaffe.

Nun denn, was kann man noch dagegen einwenden?
1. Da ist das leidige Problem mit der Entsorgung. Die ist nicht ansatzweise gelöst. Bisher hat sich keine Gemeinde in Japan freiwillig gemeldet, um sich als Endlagerstätte anzubieten. Bei 54 Atommeilern im Land wird das langsam zum Problem. Aber der Marianengraben ist nicht weit.

2. Sicherheit: Eine Kernschmelze hat nun mal auf die Bewohnbarkeit der Umgebung akut eine andere Auswirkung als die Explosion eines Kohlekraftwerks oder ein Kurzschluss in einem Solarkraftwerk. In Japan gilt dies umso stärker, weil die Bevölkerung in wenigen Ballungsräumen hoch konzentriert wohnt.
Dass Japan das Land mit den meisten Erdbeben auf der Welt ist, darunter mehrere Regionen mit dem Potenzial von Beben der Stärke 8 und höher auf der Richterskala, erhöht das Risiko von Gaus gegenüber Ländern wie Deutschland beträchtlich (achja, nicht zu vergessen
Vulkanausbrüche, 40 heiße Schlote stehen hier glaube ich über die Inseln verteilt).
Dazu kommen natürlich noch die Verunreinigungen durch Wiederaufbereitungsanlagen. Aber Japan ist von jeder Menge Wasser umgeben, da hoffen die Planer wohl auf Verdünnung der Radioaktivität (bin mit aber nicht sicher, ob ich dann noch Fisch aus Nordjapan, besonders den von dortigen Fischern gefangenen edelsten Blauflossenthun, noch essen möchte, nachdem Rokkasho im Oktober 2010 - so wenigstens der derzeitige Plan - losrecyceln wird).
Und auf die herrschenden Zweifel an der Gründlichkeit der Betreiber bin ich ja im Blog eingegangen.

3. Kosten: Die Gretchenfrage ist natürlich, warum der Staat nicht für ähnlich viel Geld in die technische Entwicklung von alternativen Energien wie der Sonnenenergie und  Wasserstoffwirtschaft, neue Stromnetze oder das Energie sparen pumpt, wo durch wodurch vielleicht technische Sprünge ermöglicht werden würden, die die Abhängigkeit von relativ gefährlichen Techniken wie der Atomkraft senken könnten. Besonders in einem Land wie Japan, das - siehe oben - oft von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht wird, macht das m. E. schon Sinn.

Mittwoch, 24. März 2010

Tech-Blog: Chronik des Schnellen Brüters Monju







BRANDNEU MONJU-START VERSCHIEBT SICH
Der Neustart des schnellen Brüters Monju verschiebt sich Japans schneller Brüter Monju wird wegen einem politischen Fingerhakeln zwischen der Präfektur- und der Zentralregierung nicht wie geplant Ende März wieder in Betrieb genommen werden können. Dies erklärte heute der Chef der japanischen Atomkommission Shunsuke Kondo. "Erwarten Sie nicht, dass das Problem bis Ende März gelöst ist", so Kondo.
Ein konkretes Datum für die in Inbetriebnahme des japanischen Prestige-Meiler nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause vermag derzeit keiner der Beteiligten zu nennen. Denn der Gouverneur will nach Insideraussagen seine Zustimmung gegen Zugeständnisse der Regierung wie einen Schnellzuganschluss verkaufen.


Im wöchentlichen Blog auf Technology Review, der diesmal aus aktuellem Anlass am heutigen Mittwoch erscheint, schreibe diesmal über Japans Schnellen Brüter Monju, den die Regierung noch diesen Monat nach 15 Jahren Pause wieder in Betrieb nehmen will. Hier gibt es eine Chronik über die Entwicklung der japanischen Atomindustrie.


Monju ist derzeit der einzige Schnelle Brüter weltweit, der Plutonium verwendet. Für Atomkraftfans ist er ein Hoffnungsträger, denn verspricht nahezu unerschöpfliche Energiereserven. Nur macht die Technik ihrem Namen keine Ehre: Sie hat sich extrem langsam entwickelt. Ein Grund ist ein Unfall im Jahr 1995, in dem das Kühlmittel Natrium ausgetreten ist und ein Feuer verursacht hat. Seither steht der Reaktor still. Nach den jüngsten Visionen wird die Kommerzialisierung der Technik 70 Jahre später als ursprünglich geplant stattfinden.
Durchaus möglich, dass Bill Gates den Japanern mit dem Laufwellenreaktor seines Atom-Start-up TerraPower bis dahin die Suppe versalzt. Nun ja, glücklicherweise könnten die Japaner die Suppe selbst auslöffeln, da TerraPower nach vertrauenswürdigen Informationen bei der Entwicklung des Reaktors mit Toshiba zusammenarbeiten will wie mein gestriger Blogeintrag kurz notiert. 


Hier eine kurze Chronik des japanischen Atomprogramms. Einträge mit Bezug zum Monju-Reaktor sind rot gefärbt.


1954   Im Jahr 1954 startet Japan sein Programm zur friedlichen Nutzung der Atomenergie.


1955   Das erste Atomenergiegesetz tritt in Kraft.


1956   Japan beschließt den ersten Plan zur Erforschung, Entwicklung und Nutzung der Atomenergie. Die Brüter-Technik nimmt in der Vision eine wichtige Rolle ein. 


1961   2. Fünf-Jahresplan setzt 1980er Jahre als Zieldatum für die kommerzielle Nutzung der Brütertechnik. 


1963   Japan startet Asiens erstes Atomkraftwerk, ein 13-MW-Versuchsreaktor in Tokai/Präfektur Ibaraki, den Japan Power Demonstration Reactor (JPDR, 動力試験炉 Dōryoku shikenro). 


1965   nimmt der JPDR den kommerziellen Betrieb auf. Er wird er 1976 stillgelegt. In den folgenden Jahren, besonders in den 1970er Jahren treibt Japan den Ausbau der Atomenergie massiv voran.


1967   Die Regierung gründet einen Vorläufer der heutigen Betreibergesellschaft des Monju-Reaktors: Die Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation wird 1998 in Japan Nuclear Cycle Institute umbenannt und 2005 mit Japans Atomenergie-Forschungsinstitut zur japanischen Atomenergiebehörde (JAEA) zusammengefügt, die für den Betrieb einer Reihe von Versuchsreaktoren zuständig ist.


1969   Japan führt die erste erfolgreiche Urananreicherung durch.


1971   Die Wiederaufbereitungsanlage in Tokai nimmt den Betrieb auf.


1977   Der experimentelle Brutreaktor Joyo erreicht Kritikalität, dicht gefolgt von Fugen im Jahr drauf.


1979   Aufsehen erregender Atomunfall in den USA: Teilweise Kernschmelze im Reaktor in Three-Mile-Island, zwölf Tage nachdem der Film The China Syndrome mit Jane Fonda in die Kinos kam, in dem ein Super-Gau medial durchgespielt wurde.


1985   Grundsteinlegung für den Schnellen Brüter in Monju.


1986   Tschernobyl-Unfall: Der bislang schwerste Atomunfall der Welt gibt der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland Auftrieb. Japans Regierung hingegen treibt ihre Atompläne unbeeindruckt voran. Der Bau des Monju-Reaktors geht weiter. 


1993   Baubeginn der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho/Präfektur Aomori. Kritiker behaupten, die Anlage befinde sich in einer Region, in der Erdbeben der Stärke 8 auf der Richter-Skala auftreten könnten. Die Betreiber halten nur Erdbeben der Stärke 6,5 für möglich und behaupten, dass die Anlage für eine Stärke 6,9 ausgelegt sei. Aber die offiziellen Annahmen haben sich in Niigata (siehe unten 2007) bereits einmal als falsch herausgestellt. Die Baukosten übersteigen nach mehr als einem Dutzend Startverschiebungen den Plan inzwischen mit 2200 Mrd. Yen (derzeit 18 Mrd. Euro) um das Dreifache. 


1994   Der Monju-Reaktor erreicht am 5. April 1994 erstmals Kritikalität. 


1995   Der Monju-Reaktor geht am 5. August zeitweise ans Netz.




1995   Drama in Monju! Am 8. Dezember 1995 bricht – glücklicherweise im sekundären Kreislauf – ein Rohr, dass das Kühlmittel Natrium transportiert. Mehrere hundert Kilogramm des hochreaktiven flüssigen Metalls treten aus und entzünden sich beim Kontakt mit der Raumluft. Die Temperatur erreichte mehrere hundert Grad. 19:30 Uhr geht der Alarm los, das System schaltet auf manuelle Kontrolle, doch es vergehen volle 90 Minuten, bis die Abschaltung des Reaktors angeordnet wird. Für Proteste sorgten allerdings die Vertuschungsversuche der Betreibergesellschaft, die unter anderem mit einem zensierten Video das Ausmaß des Unfalls verheimlichen wollte. Das Video findet sich hier:



1997   Unfall! Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai.


1999   Schwerster Atom-Unfall Japans: In einem Betrieb zur Bearbeitung von nuklearen Brennstoffen in Tokai-Mura rühren Arbeiter eine zu große Menge von spaltbaren Uran in einem ungeeigneten Container zusammen. Eine Kettenreaktion entsteht, mehrere Arbeiter werden verstrahlt. 


2000   Japans Regierung kündet die Wiederinbetriebnahme des Monju-Reaktors an.


2002   Japans Atomindustrie wird von einem Skandal über gefälschte Untersuchungsberichte erschüttert. Inspektoren von Tokios Stromversorger Tepco hatten Risse in 13 von 17 Reaktorbehältern vertuscht. Tepco musste daraufhin seine 17 Atomkraftwerke stilllegen.


2003   Ein Gericht in Nagoya erklärt die Baugenehmigung für den Monju-Reaktor aus dem Jahr 1983 für nichtig. Der Jubel der Kernkraftgegner ist nur von kurzer Dauer, siehe 2005.


2004   Unfall! Bei einem Leck in einer Dampfleitung des Akw Mihama sterben fünf Arbeiter. In den Untersuchungen kommt heraus, dass Kraftwerksbetreiber und Aufseher es an ernsthaften systematischen Inspektionen haben mangeln lassen.


2005   Japans Oberster Gerichtshof widerruft das Monju-Urteil. Die Arbeit am Prestigeprojekt kann weitergehen.


2007   Erdbeben unter dem größten AKW der Welt, dem Meiler-Park Kashiwazaki-Karima in der Präfektur Niigata. Die Region wird von einem Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschüttert. Die Stärke ist deutlich stärker als im Bauplan als größtes anzunehmendes Beben zugrunde gelegt wurde. Zudem stellen Geologen fest, dass das Akw wie von Kritikern behauptet auf einer geologisch aktiven Verwerfung steht, deren Existenz von den Betreibern über Jahre geleugnet wurde. Das AKW wird zeitweise abgeschaltet. Doch letztlich ist der Schaden gering. Auch unter dem Monju-Reaktor verläuft nach neueren Analysen eine aktive Spalte, die die Initiatoren bei Projektbeginn ausgeschlossen haben.


2008   Der für 2008 geplante Neustart von Monju wird wiederholt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. 


2010   Im Februar 2010 gibt Japans Regierung grünes Licht für die Inbetriebnahme des Monju-Reaktors.


2010   Ende März soll der auf drei Jahre angelegte Testlauf starten. Drei Stufen sind geplant: Überprüfung des Reaktorkerns, 40-prozentige Last und später Tests zur Steigerung der Reaktorleistung. 


2013   Monju soll unter Betrieb unter Volllast aufnehmen. 


2015   Nach dem 2006 vorgelegten Atomenergieplan soll 2015 eine Vision für die Kommerzialisierung der Schnellen Brüter-Technik vorgelegt werden.


2025   soll der erste Demonstrationsreaktor die Wirtschaftlichkeit der Technik beweisen.


2050   Kommerzielle Brüter aus Japan sollen die Energieprobleme der Welt lösen helfen.


Für besorgte Seelen empfehle ich ein patriotisches Ruhekissen, das glückselige Träume verspricht.

Dienstag, 23. März 2010

Bill Gates und Toshiba brüten an AKW-Pakt

Bill Gates` Start-up TerraPower und Toshiba planen neuen Brüterreaktor

Die Nachricht sorgte für Aufregung in Japans Atomindustrie. Das von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützte Atom-Start-up TerraPower will mit Toshiba bei der Entwicklung eines neuartigen Schnellen Brüters zusammen arbeiten, der nur einmal gefüllt werden muss und dann bis zu hundert Jahre kontiniuierlich laufen kann. Durch einen Entwicklungspakt mit Toshiba hofft das Unternehmen demnach, die Expertise für ein kommerzielle Version dieses Akw zu erhalten. 
Der "Laufwellenreaktor" genannte Typ gilt als eine viel versprechende Alternative zu herkömmlichen Schnellen Brütern wie Japans Monju-Reaktor, den die Regierung in den kommenden Tagen erstmals seit 15 Jahren wieder in Betrieb nehmen will. Denn erstens benötigt er nur eine kleine Menge von spaltbaren Uran-235 und verwandelt ansonsten nichtwaffenfähiges Uran-238 automatisch in Plutonium. Dies senkt die Gefahr der Verbreitung von Atombomben. Zweitens entfällt durch die einmalige Befüllung der Austausch und die Zwischenlagerung von Brennelementen, die nicht nur teuer, sondern auch riskant sind.
Der Pakt unterstreicht den Willen der japanischen Kraftwerksbauer, in der globalen Wiedergeburt der Atomkraft die Führung zu übernehmen. Weltweit erwarten Experten den Neubau von mehr als 50 Reaktoren vor allem in Schwellenländern. Dies sind mehr Reaktoren als Japan seit dem Start seines ersten Reaktors in den 1960er Jahren errichtet hat. Dabei fühlen die Japaner allerdings den Atem der Konkurrenz im Nacken. So hat der Newcomer Südkorea sich gerade einen Großauftrag für den Bau von Akws im Nahen Osten gesichert. 

Die Newsliste: Dienstag, 23.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:

Toshiba - A wie Atomkraftwerk, C wie Chipfabrik
In Ergänzung zur Meldung, dass Bill Gates' Start-up TerraPower mit Toshiba bei der Entwicklung eines kommerziellen Laufwellenreaktors zusammenarbeiten wollen (siehe hier...), hat der japanische Elektronikkonzern heute angekündigt, 350 Mrd. Yen (fast drei Mrd. Euro) in den Bau eines neuen Nand-Speicherchipwerks zu investieren.
* Ich bewundere Japans überlebende Mischkonzerne immer wieder. Wie können sie in der heutigen Zeit ohne Kerngeschäft noch überleben? Aber halt, habe ich ja ganz vergessen, alles dreht sich bei Toshiba irgendwie um Strom, nicht wahr? Erzeugen und verbrauchen, das ist die Klammer. Hach, da bin ich jetzt aber beruhigt.


Mitsubishi Motors hebt Ausstoss von eAutos an
Nach einem Bericht der Zeitung Yomiuri plant Mitsubishi Motors für 2011 eine Verdreifachung seiner eAuto-Produktion auf 30000 Stück. Ein Großteil der Produktion dürfte an den französischen Hersteller PSA Peugeot Citroen gehen, mit denen Mitsubishi Motors jüngst einen Liefervertrag über 100000 eAutos abgeschlossen hat.
* Die Wette läuft. Wenn die eAutos sich als evolutionäre Sackgasse entpuppen, war es das wohl auch für Mitsubishi Motors.