Mein Tech-Blog auf Technology Review läuft diesmal wieder am Mittwoch.
Thema ist diesmal Japans Klimaschutzprogramm.
Aus gegebenen Anlass,
hier ein Update zum Monju-Reaktor.
Unter dem Eintrag steht noch eine Link-Sammlung zu früheren Monju-Texten.
Monju bleibt vorerst offline
Das Prestigeprojekt der japanischen Atomindustrie, der Neustart des schnellen Brüters Monju nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause, verzögert sich weiter. Wegen eines politischen Fingerhakelns zwischen der Präfektur Fukui und der Zentralregierung konnte der umstrittene Versuchsreaktor nicht im März in Betrieb genommen werden.
Wie lange sich der Neustart hinauszögern wird, vermag derzeit keiner der Beteiligten zu sagen. Die Betreiber haben zwar die gesetzlichen Hürden gemeistert, aber Issei Nishikawa, der Gouverneur von Monjus Heimatpräfektur Fukui will nach Aussagen von Insidern seine Zustimmung gegen weitere Zugeständnisse der Regierung wie einen Anschluss an Japans Shinkansen-Netz verkaufen.
Für die Regierung ist die erneute Verschiebung ein kleiner Gesichtsverlust. Denn der Monju-Reaktor ist das Symbol für Japans ambitionierte Atomenergiestrategie: Das Land will sich in der globalen Renaissance der Atomkraft nichts weniger als die industrielle Führungsrolle sichern. Nach Angaben der internationalen Atomenergiebehörde befinden sich derzeit weltweit 56 Atomkraftwerke (Akw) in Bau oder Planung, ein Großteil davon in den USA und den Schwellenländern Indien und China. Und im Kampf um diese Aufträge ist Japan mit gleich drei internationalen Kraftwerksbauern so gut aufgestellt wie kein anderes Land.
Toshiba hat seine globalen Ambitionen durch den Kauf des US-Unternehmens Westinghouse unterstrichen, Hitachi durch einen Bund mit GE. Mitsubishi Heavy Industries wiederum kooperiert mit Frankreichs Areva in einigen Regionen bei der Entwicklung von Akws. Zudem sind die Japaner nach Frankreichs Ausstieg die einzigen Anbieter, die aktiv Brutreaktoren weiter entwickeln, die nicht nur Strom, sondern auch neues spaltbares Material erzeugen. Nach den amtlichen Plänen soll bis 2025 der erste Demonstrationsreaktor fertig gestellt und ab 2050 mit der Vermarktung begonnen werden.
Doch die Japaner spüren bereits den Atem der verbleibenden Konkurrenten im Nacken, namentlich der russischen Atomindustrie und vor allem des Neulings Südkorea. Die koreanische Atomallianz aus einem Stromkonzern und Kraftwerksherstellern hat sich jüngst ihren ersten Großauftrag über den Bau von Akws in den Vereinigten arabischen Emiraten im Wert von 40 Milliarden Dollar gesichert.
Nach der Einschätzung von Shunsuke Kondo, dem Vorsitzenden der japanischen Atomernergiekommission, unterscheiden sich die Chancen von Japans Atomindustrie allerdings je nach Region deutlich. Dank ihrer lokalen Bündnispartner haben die Japaner gute Chancen, von der energiepolitischen Wende in den USA zu profitieren. Nach einer 30-jährigen Abstinenz im Akw-Bau will die Regierung in den kommenden drei Dekaden 30 Meiler neu bauen. Um dieses Volumen konkurrieren die Japaner nur untereinander und mit Areva.
Gutes Geschäft verspricht auch der Heimatmarkt. Japans Regierung will die bestehenden 54 Reaktoren um neun weitere ergänzen, um Kohlendioxidemissionen und Japans Abhängigkeit von Energieimporten zu senken. Der Anteil von Akws an der Stromerzeugung soll so bis 2030 von 30 auf 49 Prozent erhöht werden.
In den restlichen Märkten stehen die Hersteller allerdings vor großen Herausforderungen. Die Regierungen in den viel versprechendsten Wachstumsmärkten China und Indien wollen aus militärischen Gründen ihre eigene Atomindustrie aufbauen. Ausländische Hersteller sind daher nur in der Anfangsphase genehm – wenn sie denn gleichzeitig ihre Technik übergeben. In diesen Ländern rät Kondo der japanischen Industrie dazu, sich auf die Rolle als Zulieferer von Material und Geräten zu beschränken.
Und in den anderen Märkten Asiens und des Nahen Ostens sind die Südkoreaner dank eines neuen Geschäftsmodells plötzlich zu formidablen Rivalen aufgestiegen. Im Gegensatz zu Areva und den Japanern, die Anlagen liefern, bieten sie ihren Kunden an, die Kraftwerke nicht nur zu bauen, sondern auch zu betreiben und nach einer festgelegten Dauer zu übergeben (BOT, Built, Operate, Transfer). Dies ist für Länder mit beschränkten Knowhow in der Atomenergie attraktiv. Japans Atomindustrie und Strombetreiber überlegen bereits, ein ähnliches Konzept aufzulegen, um ihre Chancen in Südostasien zu stärken.
Die unendliche Geschichte des Monju-Reaktors
1983 wurde die Baugenehmigung für den Schnellen Brüter erteilt, der nach Monju (Sanskrit: Mañjuśrī), dem buddhistischen Bodhisattwa der reinen Weisheit benannt wurde. Nach einigen Monaten am Netz trat im Dezember 1995 durch ein Leck im sekundären Kühlkreislauf das Kühlmittel, flüssiges Natrium, aus, und verursachte einen schweren Brand. Da die Betreiber erst mit 90 Minuten Verzögerung den Reaktor abschalteten und zudem versuchten, dass Ausmaß des Unfalls zu vertuschen, wurde das Vertrauen der Japaner in die Atomindustrie bis heute nachhaltig erschüttert. Nach einer Umfrage der Regierung standen 2009 noch immer 54 Prozent der Bevölkerung Akws skeptisch gegenüber. Seit 2003 bemühte sich die Regierung, Monju im Jahr 2008 wieder ans Netz zu bringen. Doch immer wieder wurde der Neustart verschoben.
Links:
23.3.2010 Bill Gates und Toshiba brüten an Brütertechnik ...
24.3.2010 Tech-Blog: Unfertig ausgebrütet
24.3.2010 Chronik des Schnellen Brüters Monju
25.3.2010 Replik: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet
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Mittwoch, 31. März 2010
Donnerstag, 25. März 2010
Tech-Blog: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet
Ein Leser meines Blogs auf Technology Review über Bill Gates's Atomprojekt TerraPower und den Monju-Reaktor beklagte sich gestern, dass ich keine Gründe für Japans Festhalten an der Brütertechnik aufgeführt hätte, die die Kosten in den Augen der Planer rechtfertigen würden.
Das stimmt und hat einen Grund. Mit einer Wirtschaftslichkeitsrechnung kommt man bei einem Zeitrahmen von 40 Jahren (von heute aus gerechnet) und von 70 Jahren (von der Baugenehmigung für Monju aus gerechnet) bis zum erhofften Start der Kommerzialisierung der Technik im Jahr 2050 nicht weit.
Kein wirtschaftlich denkender Kraftwerksbetreiber ist bereit, die Technik aus eigener Kraft zu entwickeln. Selbst die Franzosen sind ausgestiegen. Es handelt sich daher m.E. nur um eine strategische Entscheidung, die sich nicht direkt in Geld aufwiegen lässt. Darum habe ich im Blogeintrag darauf verzichtet, liefere aber hier gerne ein paar Gründe nach, die auch im Forum zum Blog nachzulesen sind:
(Eine Chronik des Monju-Reaktors gibt es weiter unten im Blog oder direkt hier...)
1. Industriestrategie: Japans Regierung will den drei lokalen Kraftwerksbauern Know-how auch in der Brütertechnik verschaffen. Solange kein anderes Land in die Technik wieder einsteigt, sind Japans Hersteller die einzigen weltweit, die über Know-how in allen Reaktortypen verfügen. Japan betreibt auch einen experimentellen Hochtemperaturreaktor. Der Weltmarkt lockt.
2. Energiestrategie: Japans Regierung will durch den Ausbau der Atomkraft und ab 2050 durch Brutreaktoren die bisher hohe Abhängigkeit von Energieimporten senken. Dazu versucht das Land, den nuklearen Brennstoffkreislauf zu schließen, siehe Monju und die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho (eine weitere müsse noch gebaut werden, da Rokkashos Jahreskapazität
von 800 Tonnen nicht ausreicht, um die jährlich anfallenden 1000 Tonnen an abgebrannten Nuklearbrennstoff wiederaufzubereiten, sagte gestern der Vorsitzende von Japans Atomenergiekommission Shunsuke Kondo).
Plutonium genug hat das Land ja inzwischen aufgehäuft (wie im Blog beschrieben). Und durch schnelle Brüter könnte das Land immer weiter spaltbares Material erzeugen, das vorhandene Material deutlich effektiver nutzen und so seine Energieversorgung auf Jahrhunderte sichern. (Kondo betonte heute im Gespräch, dass Leichtwasserreaktoren nur ein Prozent des Potenzials von Uran nutzen würden, schnelle Brüter hingegen 70 bis 80 Prozent.)
In einem ersten Schritt will Japan das Plutonium in Mox-Brennelementen (Mox steht für Mischoxid) in Leichtwasserreaktoren verfeuern und die abgebrannten Brennstäbe zwischenlagern, bis die schnellen Brüter ab 2050 ans Netz gehen. Bis 2100 sollen die schnellen Brüter etwa 70 Prozent des Stroms produziern, entnehme ich einer von Kondos Grafiken.
3. Klimapolitik: Die Atomlobby glaubt, dass Japan nur mit Hilfe der Atomkraft die CO2-Senkungsziele der neuen Regierung (bis 2020 minus 25 Prozent im Vgl. zu 1990) erzielen kann. Acht Prozent sollen vom Ausbau der Atomkraft stammen (neun neue Reaktoren, Anhebung der
Kapazitätsauslastung von derzeit 60 auf 80 Prozent). Bis 2030 soll der Anteil der Akws an der Stromerzeugung von derzeit 30 auf 49 Prozent ausgebaut werden, so Kondo.
4. aber darüber spricht man nicht offiziell, Militärstrategie: Japans Aussenpolitik beruht zwar seit den 1960er Jahren auf den drei nichtnuklearen Prinzipien (weder Atombomben zu entwickeln, zu produzieren noch im Land zu stationieren). Aber das Land besitzt über das Know-how und die Raketen, innerhalb kurzer Zeit zu einer Atommacht aufzusteigen. Ob es sich um Wochen, Monate, ein Jahr oder mehrere Jahre handelt ist umstritten, nicht aber die Möglichkeit.
Dazu wird die atomare Bewaffnung immer offener diskutiert. Selbst ehemalige Ministerpräsidenten haben inzwischen gesagt, dass Japan trotz seiner pazifistischen Verfassung auch Atombomben besitzen dürfte - als Verteidigungswaffe.
Nun denn, was kann man noch dagegen einwenden?
1. Da ist das leidige Problem mit der Entsorgung. Die ist nicht ansatzweise gelöst. Bisher hat sich keine Gemeinde in Japan freiwillig gemeldet, um sich als Endlagerstätte anzubieten. Bei 54 Atommeilern im Land wird das langsam zum Problem. Aber der Marianengraben ist nicht weit.
2. Sicherheit: Eine Kernschmelze hat nun mal auf die Bewohnbarkeit der Umgebung akut eine andere Auswirkung als die Explosion eines Kohlekraftwerks oder ein Kurzschluss in einem Solarkraftwerk. In Japan gilt dies umso stärker, weil die Bevölkerung in wenigen Ballungsräumen hoch konzentriert wohnt.
Dass Japan das Land mit den meisten Erdbeben auf der Welt ist, darunter mehrere Regionen mit dem Potenzial von Beben der Stärke 8 und höher auf der Richterskala, erhöht das Risiko von Gaus gegenüber Ländern wie Deutschland beträchtlich (achja, nicht zu vergessen
Vulkanausbrüche, 40 heiße Schlote stehen hier glaube ich über die Inseln verteilt).
Dazu kommen natürlich noch die Verunreinigungen durch Wiederaufbereitungsanlagen. Aber Japan ist von jeder Menge Wasser umgeben, da hoffen die Planer wohl auf Verdünnung der Radioaktivität (bin mit aber nicht sicher, ob ich dann noch Fisch aus Nordjapan, besonders den von dortigen Fischern gefangenen edelsten Blauflossenthun, noch essen möchte, nachdem Rokkasho im Oktober 2010 - so wenigstens der derzeitige Plan - losrecyceln wird).
Und auf die herrschenden Zweifel an der Gründlichkeit der Betreiber bin ich ja im Blog eingegangen.
3. Kosten: Die Gretchenfrage ist natürlich, warum der Staat nicht für ähnlich viel Geld in die technische Entwicklung von alternativen Energien wie der Sonnenenergie und Wasserstoffwirtschaft, neue Stromnetze oder das Energie sparen pumpt, wo durch wodurch vielleicht technische Sprünge ermöglicht werden würden, die die Abhängigkeit von relativ gefährlichen Techniken wie der Atomkraft senken könnten. Besonders in einem Land wie Japan, das - siehe oben - oft von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht wird, macht das m. E. schon Sinn.
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Mittwoch, 24. März 2010
Tech-Blog: Chronik des Schnellen Brüters Monju
BRANDNEU MONJU-START VERSCHIEBT SICH
Der Neustart des schnellen Brüters Monju verschiebt sich Japans schneller Brüter Monju wird wegen einem politischen Fingerhakeln zwischen der Präfektur- und der Zentralregierung nicht wie geplant Ende März wieder in Betrieb genommen werden können. Dies erklärte heute der Chef der japanischen Atomkommission Shunsuke Kondo. "Erwarten Sie nicht, dass das Problem bis Ende März gelöst ist", so Kondo.
Ein konkretes Datum für die in Inbetriebnahme des japanischen Prestige-Meiler nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause vermag derzeit keiner der Beteiligten zu nennen. Denn der Gouverneur will nach Insideraussagen seine Zustimmung gegen Zugeständnisse der Regierung wie einen Schnellzuganschluss verkaufen.
Ein konkretes Datum für die in Inbetriebnahme des japanischen Prestige-Meiler nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause vermag derzeit keiner der Beteiligten zu nennen. Denn der Gouverneur will nach Insideraussagen seine Zustimmung gegen Zugeständnisse der Regierung wie einen Schnellzuganschluss verkaufen.
Im wöchentlichen Blog auf Technology Review, der diesmal aus aktuellem Anlass am heutigen Mittwoch erscheint, schreibe diesmal über Japans Schnellen Brüter Monju, den die Regierung noch diesen Monat nach 15 Jahren Pause wieder in Betrieb nehmen will. Hier gibt es eine Chronik über die Entwicklung der japanischen Atomindustrie.
Monju ist derzeit der einzige Schnelle Brüter weltweit, der Plutonium verwendet. Für Atomkraftfans ist er ein Hoffnungsträger, denn verspricht nahezu unerschöpfliche Energiereserven. Nur macht die Technik ihrem Namen keine Ehre: Sie hat sich extrem langsam entwickelt. Ein Grund ist ein Unfall im Jahr 1995, in dem das Kühlmittel Natrium ausgetreten ist und ein Feuer verursacht hat. Seither steht der Reaktor still. Nach den jüngsten Visionen wird die Kommerzialisierung der Technik 70 Jahre später als ursprünglich geplant stattfinden.
Durchaus möglich, dass Bill Gates den Japanern mit dem Laufwellenreaktor seines Atom-Start-up TerraPower bis dahin die Suppe versalzt. Nun ja, glücklicherweise könnten die Japaner die Suppe selbst auslöffeln, da TerraPower nach vertrauenswürdigen Informationen bei der Entwicklung des Reaktors mit Toshiba zusammenarbeiten will wie mein gestriger Blogeintrag kurz notiert.
Hier eine kurze Chronik des japanischen Atomprogramms. Einträge mit Bezug zum Monju-Reaktor sind rot gefärbt.
1954 Im Jahr 1954 startet Japan sein Programm zur friedlichen Nutzung der Atomenergie.
1955 Das erste Atomenergiegesetz tritt in Kraft.
1956 Japan beschließt den ersten Plan zur Erforschung, Entwicklung und Nutzung der Atomenergie. Die Brüter-Technik nimmt in der Vision eine wichtige Rolle ein.
1961 2. Fünf-Jahresplan setzt 1980er Jahre als Zieldatum für die kommerzielle Nutzung der Brütertechnik.
1963 Japan startet Asiens erstes Atomkraftwerk, ein 13-MW-Versuchsreaktor in Tokai/Präfektur Ibaraki, den Japan Power Demonstration Reactor (JPDR, 動力試験炉 Dōryoku shikenro).
1965 nimmt der JPDR den kommerziellen Betrieb auf. Er wird er 1976 stillgelegt. In den folgenden Jahren, besonders in den 1970er Jahren treibt Japan den Ausbau der Atomenergie massiv voran.
1967 Die Regierung gründet einen Vorläufer der heutigen Betreibergesellschaft des Monju-Reaktors: Die Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation wird 1998 in Japan Nuclear Cycle Institute umbenannt und 2005 mit Japans Atomenergie-Forschungsinstitut zur japanischen Atomenergiebehörde (JAEA) zusammengefügt, die für den Betrieb einer Reihe von Versuchsreaktoren zuständig ist.
1969 Japan führt die erste erfolgreiche Urananreicherung durch.
1971 Die Wiederaufbereitungsanlage in Tokai nimmt den Betrieb auf.
1977 Der experimentelle Brutreaktor Joyo erreicht Kritikalität, dicht gefolgt von Fugen im Jahr drauf.
1979 Aufsehen erregender Atomunfall in den USA: Teilweise Kernschmelze im Reaktor in Three-Mile-Island, zwölf Tage nachdem der Film The China Syndrome mit Jane Fonda in die Kinos kam, in dem ein Super-Gau medial durchgespielt wurde.
1985 Grundsteinlegung für den Schnellen Brüter in Monju.
1986 Tschernobyl-Unfall: Der bislang schwerste Atomunfall der Welt gibt der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland Auftrieb. Japans Regierung hingegen treibt ihre Atompläne unbeeindruckt voran. Der Bau des Monju-Reaktors geht weiter.
1993 Baubeginn der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho/Präfektur Aomori. Kritiker behaupten, die Anlage befinde sich in einer Region, in der Erdbeben der Stärke 8 auf der Richter-Skala auftreten könnten. Die Betreiber halten nur Erdbeben der Stärke 6,5 für möglich und behaupten, dass die Anlage für eine Stärke 6,9 ausgelegt sei. Aber die offiziellen Annahmen haben sich in Niigata (siehe unten 2007) bereits einmal als falsch herausgestellt. Die Baukosten übersteigen nach mehr als einem Dutzend Startverschiebungen den Plan inzwischen mit 2200 Mrd. Yen (derzeit 18 Mrd. Euro) um das Dreifache.
1994 Der Monju-Reaktor erreicht am 5. April 1994 erstmals Kritikalität.
1995 Der Monju-Reaktor geht am 5. August zeitweise ans Netz.
1995 Drama in Monju! Am 8. Dezember 1995 bricht – glücklicherweise im sekundären Kreislauf – ein Rohr, dass das Kühlmittel Natrium transportiert. Mehrere hundert Kilogramm des hochreaktiven flüssigen Metalls treten aus und entzünden sich beim Kontakt mit der Raumluft. Die Temperatur erreichte mehrere hundert Grad. 19:30 Uhr geht der Alarm los, das System schaltet auf manuelle Kontrolle, doch es vergehen volle 90 Minuten, bis die Abschaltung des Reaktors angeordnet wird. Für Proteste sorgten allerdings die Vertuschungsversuche der Betreibergesellschaft, die unter anderem mit einem zensierten Video das Ausmaß des Unfalls verheimlichen wollte. Das Video findet sich hier:
1997 Unfall! Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai.
1999 Schwerster Atom-Unfall Japans: In einem Betrieb zur Bearbeitung von nuklearen Brennstoffen in Tokai-Mura rühren Arbeiter eine zu große Menge von spaltbaren Uran in einem ungeeigneten Container zusammen. Eine Kettenreaktion entsteht, mehrere Arbeiter werden verstrahlt.
2000 Japans Regierung kündet die Wiederinbetriebnahme des Monju-Reaktors an.
2002 Japans Atomindustrie wird von einem Skandal über gefälschte Untersuchungsberichte erschüttert. Inspektoren von Tokios Stromversorger Tepco hatten Risse in 13 von 17 Reaktorbehältern vertuscht. Tepco musste daraufhin seine 17 Atomkraftwerke stilllegen.
2003 Ein Gericht in Nagoya erklärt die Baugenehmigung für den Monju-Reaktor aus dem Jahr 1983 für nichtig. Der Jubel der Kernkraftgegner ist nur von kurzer Dauer, siehe 2005.
2004 Unfall! Bei einem Leck in einer Dampfleitung des Akw Mihama sterben fünf Arbeiter. In den Untersuchungen kommt heraus, dass Kraftwerksbetreiber und Aufseher es an ernsthaften systematischen Inspektionen haben mangeln lassen.
2005 Japans Oberster Gerichtshof widerruft das Monju-Urteil. Die Arbeit am Prestigeprojekt kann weitergehen.
2007 Erdbeben unter dem größten AKW der Welt, dem Meiler-Park Kashiwazaki-Karima in der Präfektur Niigata. Die Region wird von einem Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschüttert. Die Stärke ist deutlich stärker als im Bauplan als größtes anzunehmendes Beben zugrunde gelegt wurde. Zudem stellen Geologen fest, dass das Akw wie von Kritikern behauptet auf einer geologisch aktiven Verwerfung steht, deren Existenz von den Betreibern über Jahre geleugnet wurde. Das AKW wird zeitweise abgeschaltet. Doch letztlich ist der Schaden gering. Auch unter dem Monju-Reaktor verläuft nach neueren Analysen eine aktive Spalte, die die Initiatoren bei Projektbeginn ausgeschlossen haben.
2008 Der für 2008 geplante Neustart von Monju wird wiederholt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.
2010 Im Februar 2010 gibt Japans Regierung grünes Licht für die Inbetriebnahme des Monju-Reaktors.
2010 Ende März soll der auf drei Jahre angelegte Testlauf starten. Drei Stufen sind geplant: Überprüfung des Reaktorkerns, 40-prozentige Last und später Tests zur Steigerung der Reaktorleistung.
2013 Monju soll unter Betrieb unter Volllast aufnehmen.
2015 Nach dem 2006 vorgelegten Atomenergieplan soll 2015 eine Vision für die Kommerzialisierung der Schnellen Brüter-Technik vorgelegt werden.
2025 soll der erste Demonstrationsreaktor die Wirtschaftlichkeit der Technik beweisen.
2050 Kommerzielle Brüter aus Japan sollen die Energieprobleme der Welt lösen helfen.
Für besorgte Seelen empfehle ich ein patriotisches Ruhekissen, das glückselige Träume verspricht.
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Dienstag, 23. März 2010
Bill Gates und Toshiba brüten an AKW-Pakt
Bill Gates` Start-up TerraPower und Toshiba planen neuen Brüterreaktor
Die Nachricht sorgte für Aufregung in Japans Atomindustrie. Das von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützte Atom-Start-up TerraPower will mit Toshiba bei der Entwicklung eines neuartigen Schnellen Brüters zusammen arbeiten, der nur einmal gefüllt werden muss und dann bis zu hundert Jahre kontiniuierlich laufen kann. Durch einen Entwicklungspakt mit Toshiba hofft das Unternehmen demnach, die Expertise für ein kommerzielle Version dieses Akw zu erhalten.
Der "Laufwellenreaktor" genannte Typ gilt als eine viel versprechende Alternative zu herkömmlichen Schnellen Brütern wie Japans Monju-Reaktor, den die Regierung in den kommenden Tagen erstmals seit 15 Jahren wieder in Betrieb nehmen will. Denn erstens benötigt er nur eine kleine Menge von spaltbaren Uran-235 und verwandelt ansonsten nichtwaffenfähiges Uran-238 automatisch in Plutonium. Dies senkt die Gefahr der Verbreitung von Atombomben. Zweitens entfällt durch die einmalige Befüllung der Austausch und die Zwischenlagerung von Brennelementen, die nicht nur teuer, sondern auch riskant sind.
Der Pakt unterstreicht den Willen der japanischen Kraftwerksbauer, in der globalen Wiedergeburt der Atomkraft die Führung zu übernehmen. Weltweit erwarten Experten den Neubau von mehr als 50 Reaktoren vor allem in Schwellenländern. Dies sind mehr Reaktoren als Japan seit dem Start seines ersten Reaktors in den 1960er Jahren errichtet hat. Dabei fühlen die Japaner allerdings den Atem der Konkurrenz im Nacken. So hat der Newcomer Südkorea sich gerade einen Großauftrag für den Bau von Akws im Nahen Osten gesichert.
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