Mittwoch, 24. März 2010

Tech-Blog: Chronik des Schnellen Brüters Monju







BRANDNEU MONJU-START VERSCHIEBT SICH
Der Neustart des schnellen Brüters Monju verschiebt sich Japans schneller Brüter Monju wird wegen einem politischen Fingerhakeln zwischen der Präfektur- und der Zentralregierung nicht wie geplant Ende März wieder in Betrieb genommen werden können. Dies erklärte heute der Chef der japanischen Atomkommission Shunsuke Kondo. "Erwarten Sie nicht, dass das Problem bis Ende März gelöst ist", so Kondo.
Ein konkretes Datum für die in Inbetriebnahme des japanischen Prestige-Meiler nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause vermag derzeit keiner der Beteiligten zu nennen. Denn der Gouverneur will nach Insideraussagen seine Zustimmung gegen Zugeständnisse der Regierung wie einen Schnellzuganschluss verkaufen.


Im wöchentlichen Blog auf Technology Review, der diesmal aus aktuellem Anlass am heutigen Mittwoch erscheint, schreibe diesmal über Japans Schnellen Brüter Monju, den die Regierung noch diesen Monat nach 15 Jahren Pause wieder in Betrieb nehmen will. Hier gibt es eine Chronik über die Entwicklung der japanischen Atomindustrie.


Monju ist derzeit der einzige Schnelle Brüter weltweit, der Plutonium verwendet. Für Atomkraftfans ist er ein Hoffnungsträger, denn verspricht nahezu unerschöpfliche Energiereserven. Nur macht die Technik ihrem Namen keine Ehre: Sie hat sich extrem langsam entwickelt. Ein Grund ist ein Unfall im Jahr 1995, in dem das Kühlmittel Natrium ausgetreten ist und ein Feuer verursacht hat. Seither steht der Reaktor still. Nach den jüngsten Visionen wird die Kommerzialisierung der Technik 70 Jahre später als ursprünglich geplant stattfinden.
Durchaus möglich, dass Bill Gates den Japanern mit dem Laufwellenreaktor seines Atom-Start-up TerraPower bis dahin die Suppe versalzt. Nun ja, glücklicherweise könnten die Japaner die Suppe selbst auslöffeln, da TerraPower nach vertrauenswürdigen Informationen bei der Entwicklung des Reaktors mit Toshiba zusammenarbeiten will wie mein gestriger Blogeintrag kurz notiert. 


Hier eine kurze Chronik des japanischen Atomprogramms. Einträge mit Bezug zum Monju-Reaktor sind rot gefärbt.


1954   Im Jahr 1954 startet Japan sein Programm zur friedlichen Nutzung der Atomenergie.


1955   Das erste Atomenergiegesetz tritt in Kraft.


1956   Japan beschließt den ersten Plan zur Erforschung, Entwicklung und Nutzung der Atomenergie. Die Brüter-Technik nimmt in der Vision eine wichtige Rolle ein. 


1961   2. Fünf-Jahresplan setzt 1980er Jahre als Zieldatum für die kommerzielle Nutzung der Brütertechnik. 


1963   Japan startet Asiens erstes Atomkraftwerk, ein 13-MW-Versuchsreaktor in Tokai/Präfektur Ibaraki, den Japan Power Demonstration Reactor (JPDR, 動力試験炉 Dōryoku shikenro). 


1965   nimmt der JPDR den kommerziellen Betrieb auf. Er wird er 1976 stillgelegt. In den folgenden Jahren, besonders in den 1970er Jahren treibt Japan den Ausbau der Atomenergie massiv voran.


1967   Die Regierung gründet einen Vorläufer der heutigen Betreibergesellschaft des Monju-Reaktors: Die Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation wird 1998 in Japan Nuclear Cycle Institute umbenannt und 2005 mit Japans Atomenergie-Forschungsinstitut zur japanischen Atomenergiebehörde (JAEA) zusammengefügt, die für den Betrieb einer Reihe von Versuchsreaktoren zuständig ist.


1969   Japan führt die erste erfolgreiche Urananreicherung durch.


1971   Die Wiederaufbereitungsanlage in Tokai nimmt den Betrieb auf.


1977   Der experimentelle Brutreaktor Joyo erreicht Kritikalität, dicht gefolgt von Fugen im Jahr drauf.


1979   Aufsehen erregender Atomunfall in den USA: Teilweise Kernschmelze im Reaktor in Three-Mile-Island, zwölf Tage nachdem der Film The China Syndrome mit Jane Fonda in die Kinos kam, in dem ein Super-Gau medial durchgespielt wurde.


1985   Grundsteinlegung für den Schnellen Brüter in Monju.


1986   Tschernobyl-Unfall: Der bislang schwerste Atomunfall der Welt gibt der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland Auftrieb. Japans Regierung hingegen treibt ihre Atompläne unbeeindruckt voran. Der Bau des Monju-Reaktors geht weiter. 


1993   Baubeginn der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho/Präfektur Aomori. Kritiker behaupten, die Anlage befinde sich in einer Region, in der Erdbeben der Stärke 8 auf der Richter-Skala auftreten könnten. Die Betreiber halten nur Erdbeben der Stärke 6,5 für möglich und behaupten, dass die Anlage für eine Stärke 6,9 ausgelegt sei. Aber die offiziellen Annahmen haben sich in Niigata (siehe unten 2007) bereits einmal als falsch herausgestellt. Die Baukosten übersteigen nach mehr als einem Dutzend Startverschiebungen den Plan inzwischen mit 2200 Mrd. Yen (derzeit 18 Mrd. Euro) um das Dreifache. 


1994   Der Monju-Reaktor erreicht am 5. April 1994 erstmals Kritikalität. 


1995   Der Monju-Reaktor geht am 5. August zeitweise ans Netz.




1995   Drama in Monju! Am 8. Dezember 1995 bricht – glücklicherweise im sekundären Kreislauf – ein Rohr, dass das Kühlmittel Natrium transportiert. Mehrere hundert Kilogramm des hochreaktiven flüssigen Metalls treten aus und entzünden sich beim Kontakt mit der Raumluft. Die Temperatur erreichte mehrere hundert Grad. 19:30 Uhr geht der Alarm los, das System schaltet auf manuelle Kontrolle, doch es vergehen volle 90 Minuten, bis die Abschaltung des Reaktors angeordnet wird. Für Proteste sorgten allerdings die Vertuschungsversuche der Betreibergesellschaft, die unter anderem mit einem zensierten Video das Ausmaß des Unfalls verheimlichen wollte. Das Video findet sich hier:



1997   Unfall! Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai.


1999   Schwerster Atom-Unfall Japans: In einem Betrieb zur Bearbeitung von nuklearen Brennstoffen in Tokai-Mura rühren Arbeiter eine zu große Menge von spaltbaren Uran in einem ungeeigneten Container zusammen. Eine Kettenreaktion entsteht, mehrere Arbeiter werden verstrahlt. 


2000   Japans Regierung kündet die Wiederinbetriebnahme des Monju-Reaktors an.


2002   Japans Atomindustrie wird von einem Skandal über gefälschte Untersuchungsberichte erschüttert. Inspektoren von Tokios Stromversorger Tepco hatten Risse in 13 von 17 Reaktorbehältern vertuscht. Tepco musste daraufhin seine 17 Atomkraftwerke stilllegen.


2003   Ein Gericht in Nagoya erklärt die Baugenehmigung für den Monju-Reaktor aus dem Jahr 1983 für nichtig. Der Jubel der Kernkraftgegner ist nur von kurzer Dauer, siehe 2005.


2004   Unfall! Bei einem Leck in einer Dampfleitung des Akw Mihama sterben fünf Arbeiter. In den Untersuchungen kommt heraus, dass Kraftwerksbetreiber und Aufseher es an ernsthaften systematischen Inspektionen haben mangeln lassen.


2005   Japans Oberster Gerichtshof widerruft das Monju-Urteil. Die Arbeit am Prestigeprojekt kann weitergehen.


2007   Erdbeben unter dem größten AKW der Welt, dem Meiler-Park Kashiwazaki-Karima in der Präfektur Niigata. Die Region wird von einem Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschüttert. Die Stärke ist deutlich stärker als im Bauplan als größtes anzunehmendes Beben zugrunde gelegt wurde. Zudem stellen Geologen fest, dass das Akw wie von Kritikern behauptet auf einer geologisch aktiven Verwerfung steht, deren Existenz von den Betreibern über Jahre geleugnet wurde. Das AKW wird zeitweise abgeschaltet. Doch letztlich ist der Schaden gering. Auch unter dem Monju-Reaktor verläuft nach neueren Analysen eine aktive Spalte, die die Initiatoren bei Projektbeginn ausgeschlossen haben.


2008   Der für 2008 geplante Neustart von Monju wird wiederholt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. 


2010   Im Februar 2010 gibt Japans Regierung grünes Licht für die Inbetriebnahme des Monju-Reaktors.


2010   Ende März soll der auf drei Jahre angelegte Testlauf starten. Drei Stufen sind geplant: Überprüfung des Reaktorkerns, 40-prozentige Last und später Tests zur Steigerung der Reaktorleistung. 


2013   Monju soll unter Betrieb unter Volllast aufnehmen. 


2015   Nach dem 2006 vorgelegten Atomenergieplan soll 2015 eine Vision für die Kommerzialisierung der Schnellen Brüter-Technik vorgelegt werden.


2025   soll der erste Demonstrationsreaktor die Wirtschaftlichkeit der Technik beweisen.


2050   Kommerzielle Brüter aus Japan sollen die Energieprobleme der Welt lösen helfen.


Für besorgte Seelen empfehle ich ein patriotisches Ruhekissen, das glückselige Träume verspricht.

Die Newsliste: Mittwoch, 24.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:

Neue Regierung dreht Postprivatisierung zurück
Japans neue Regierung nimmt dem größten Reformvorhaben des legendären Ministerpräsident Junichiro Koizumi den Biss. Anstatt sich für eine volle Privatisierung auszusprechen, beschloss die Regierung von Ministerpräsident Yukio Hatoyama heute, eine ein Sperrminorität von mindestens einem Drittel an der Post zu halten. Außerdem soll die Obergrenze für Spareinlagen auf 20 Millionen Yen verdoppelt und die Postbank universelle Bankdienste anbieten.
Die Öffnung der Poststrategie ist ein Schlag ins Gesicht der Banken. Denn die Postbank gleicht mit Vermögen von 300 000 Yen und dem einzigen dichten landesweiten Filialnetz einem Wal im Karpfenteich (wenn man das so sagen kann). Viele Megabanken unterhalten in kleineren Städten keine Zweigstellen.

Als Grund für den Kurswechsel gab der Minister für Finanzaufsicht Shizuka Kamei, den Koizumi für seinen Widerstand gegen die Postprivatisierung aus der damals regierenden Liberaldemokratischen Partei geworfen hatte, strukturpolitische Notwendigkeiten an. "Regierungsunterstützung für die Post ist notwendig, damit die Post zu einer Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft beitragen kann", sagte Kamei. 
* Dies ist ein weiterer Schritt zur Besitzstandswahrung der bestehenden Kräfte. Durch die Kontrolle der Post halten die Politik und das Finanzministerium weiterhin die Ersparnisse der Japaner in Geiselhaft und können sie zum Kauf von Regierungsanleihen verwenden. Dies erlaubt es der Regierung, bei der Bewältigung des Schuldenbergs etwas Zeit zu kaufen. 
Beruhigend ist es allerdings nicht, da die eigentlichen Probleme nur schleppend angegangen werden. 

Nintendos portable 3D-Konsole belebt Aktienkurs
Nintendos Plan, eine portable 3D-DS auf den Markt zu bringen, die keine Brille benötigt, hat heute den Aktienkurs des Unternehmens Flügel verliehen. 
Die Anleger hoffen offenbar darauf, dass sich dadurch die zuletzt etwas lahmenden Verkäufe von Nintendos Videospielkonsolen wieder beleben. 
* Das Unternehmen will ganz offensichtlich von dem kommenden Boom an 3D-Inhalten in Kino und Fernsehen profitieren. Aber ich glaube nicht daran, dass das bei portablen Konsolen so viel Sinn macht, solange nicht auch die Bedienung dreidimensional stattfindet.


Und hier noch eine News aus Korea, weil sie so hübsch zu Daimlers Korruptionsproblemen passt.

Südkorea 
Samsung: Comeback nach Korruptionsskandal
Samsungs Patriarch Lee Kun-hee kehrt zwei Jahre nach der Verurteilung in einem Korruptionsskandal an die Spitze von Samsung Electronics zurück. 
* In Südkorea bleibt Korruption ein Kavaliersdelikt. Davon können deutsche Firmenchefs nur träumen. 

Dienstag, 23. März 2010

Bill Gates und Toshiba brüten an AKW-Pakt

Bill Gates` Start-up TerraPower und Toshiba planen neuen Brüterreaktor

Die Nachricht sorgte für Aufregung in Japans Atomindustrie. Das von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützte Atom-Start-up TerraPower will mit Toshiba bei der Entwicklung eines neuartigen Schnellen Brüters zusammen arbeiten, der nur einmal gefüllt werden muss und dann bis zu hundert Jahre kontiniuierlich laufen kann. Durch einen Entwicklungspakt mit Toshiba hofft das Unternehmen demnach, die Expertise für ein kommerzielle Version dieses Akw zu erhalten. 
Der "Laufwellenreaktor" genannte Typ gilt als eine viel versprechende Alternative zu herkömmlichen Schnellen Brütern wie Japans Monju-Reaktor, den die Regierung in den kommenden Tagen erstmals seit 15 Jahren wieder in Betrieb nehmen will. Denn erstens benötigt er nur eine kleine Menge von spaltbaren Uran-235 und verwandelt ansonsten nichtwaffenfähiges Uran-238 automatisch in Plutonium. Dies senkt die Gefahr der Verbreitung von Atombomben. Zweitens entfällt durch die einmalige Befüllung der Austausch und die Zwischenlagerung von Brennelementen, die nicht nur teuer, sondern auch riskant sind.
Der Pakt unterstreicht den Willen der japanischen Kraftwerksbauer, in der globalen Wiedergeburt der Atomkraft die Führung zu übernehmen. Weltweit erwarten Experten den Neubau von mehr als 50 Reaktoren vor allem in Schwellenländern. Dies sind mehr Reaktoren als Japan seit dem Start seines ersten Reaktors in den 1960er Jahren errichtet hat. Dabei fühlen die Japaner allerdings den Atem der Konkurrenz im Nacken. So hat der Newcomer Südkorea sich gerade einen Großauftrag für den Bau von Akws im Nahen Osten gesichert. 

Die Newsliste: Dienstag, 23.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:

Toshiba - A wie Atomkraftwerk, C wie Chipfabrik
In Ergänzung zur Meldung, dass Bill Gates' Start-up TerraPower mit Toshiba bei der Entwicklung eines kommerziellen Laufwellenreaktors zusammenarbeiten wollen (siehe hier...), hat der japanische Elektronikkonzern heute angekündigt, 350 Mrd. Yen (fast drei Mrd. Euro) in den Bau eines neuen Nand-Speicherchipwerks zu investieren.
* Ich bewundere Japans überlebende Mischkonzerne immer wieder. Wie können sie in der heutigen Zeit ohne Kerngeschäft noch überleben? Aber halt, habe ich ja ganz vergessen, alles dreht sich bei Toshiba irgendwie um Strom, nicht wahr? Erzeugen und verbrauchen, das ist die Klammer. Hach, da bin ich jetzt aber beruhigt.


Mitsubishi Motors hebt Ausstoss von eAutos an
Nach einem Bericht der Zeitung Yomiuri plant Mitsubishi Motors für 2011 eine Verdreifachung seiner eAuto-Produktion auf 30000 Stück. Ein Großteil der Produktion dürfte an den französischen Hersteller PSA Peugeot Citroen gehen, mit denen Mitsubishi Motors jüngst einen Liefervertrag über 100000 eAutos abgeschlossen hat.
* Die Wette läuft. Wenn die eAutos sich als evolutionäre Sackgasse entpuppen, war es das wohl auch für Mitsubishi Motors. 

Montag, 22. März 2010

Sweet Dreams with the Patriotic Pillow - and other fun stuff from the Japanese Self Defense Forces

Patriotismus kann sich in vielfacher Weise ausdrücken. Einige nette Beispiele gibt es bei Japans Selbstverteidigungskräften zu bewundern. 
Hier ist zum Beispiel ein patriotisches Kissen, das wohl süsse Träume verschaffen soll. Im Stile einer Fahrkarte steht auf dem Kissen: Von Patriotismus nach Glück.
Das gleiche gibt es auch als Schlüsselanhänger, nur dass man den auch mit Reise-, sprich Geburtsdatum kaufen kann. Sein Preis beträgt allerdings nicht 220 Yen, sondern irgendetwas um 500 Yen.


Auch Wein darf nicht fehlen. Das ganze erinnert mich an den Devotionalienhandel in Fussballclubs. Aber soll das breit gefächerte militärische Weinangebot nahe legen, dass sich japanische Piloten Mut antrinken müssen, bevor sie in ihre Kampfflugzeuge steigen? Wie dem auch sei, zum Wohle der Soldaten hoffe ich nur, dass der Wein nicht aus Hokkaido kommt. Das wäre wie Wein aus Stockholm.
Es geht natürlich auch noch eine Nummer härter. Hier richtiges Zielwasser mit ein paar Umdrehungen mehr.
Dies ist einer von zwei Regierungsjumbos. Er transportiert Kaiser, Regierungschefs, Minister und Truppen auf humanitären Missionen.
Das beste zum Schluss:
Das salutierende Toilettenzeichen. Japans Selbstverteidigungsbeamte zeigen sich erfinderisch, wenn es darum geht, Hingabe zu ihrem Land zu beweisen. Mit ein wenig Klebeband haben sie zivilen Toilettenzeichen militärische Sitten beigebracht.
Das funktioniert natürlich auch beim Männerklo.

Donnerstag, 18. März 2010

Tech-Blog: Krieg ohne Tote

Bei meinem Besuch der japanischen "Selbstverteidigungskräfte" in Chitose (auf Hokkaido) bin ich über eine Hightech-Trainingsuniform gestolpert, die ich - mutwillig pazifistisch interpretiert - in meinem heutigen Blogbeitrag auf Technology Review zum ultimativen Friedensstifter stilisiere - oder anders ausgedrückt zum Instrument für gesellschaftlich und ökologisch nachhaltige Kriegsführung. Denn wenn wir alle Soldaten der Welt mit diesen Uniformen ausrüsten würden, könnten wir (als Vorstufe zu ihrer vollständigen Überwindung) Kriege ohne Tote führen.
Die Weste und der Helmüberzug sind übersät mit Sensoren, die die Laserimpulse von Trainingswaffen aufzeichnen.
Die Soldaten sind natürlich vernetzt mit dem Hauptkommando. 
Hier sind der Helmüberzug und die Weste aus der Nähe zu sehen. Es folgen zwei weitere Detailaufnahmen:
Hier der Helmüberzug: Das LED-Blinklicht zeigt für die Umgebung an, wie ernst der Kamerad verwundet ist. 
Und hier das Status-Display: Links ist erst das Männchen, das den Ort der virtuellen Verwundung anzeigt. Darunter steht "Kontrolle" (wobei mir unklar ist, wofür dieses Feld steht). In der rechten Reihe geht es los mit "Einstellungen", gefolgt vom Batteriestatus und dann den Feldern "Tod", "schwer verwundet", "leicht verwundet" sowie zwei Feldern, deren Bedeutung mir nicht ganz klar ist: "wirkungslos" und "Nähe". 
Übrigens (für den Fall, dass einigen Lesern die Ironie entgangen ist): Mir ist natürlich bewusst, dass Soldaten mit Westen dieser Art im Frieden die Tötungsroutinen für einen heißen Krieg besser einüben sollen. Aber wäre es nicht schön, die Weste umzudeuten?

Mittwoch, 17. März 2010

Einmal Panzer fahren

Einmal ist immer das erste mal. Gestern bin ich erstmals in meinem Leben Panzer gefahren. Genauer gesagt einen Type 90 der japanischen Selbstverteidungskräfte (ein Euphemismus für Japans Militär). Es handelt sich um das Kettenfahrzeug rechts neben der Haubitze. 
Das Ding wiegt 50 Tonnen und erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 70 Kilometer pro Stunde. Derzeit werden die Panzer auf Hokkaido regelmäßig von den Soldaten der 7. Panzerdivision einer Bewegungstherapie unterzogen, damit sie sich nicht so nutzlos fühlen. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben sie ein bisschen ihre Existenzberechtigung verloren, weil eine Invasion Russlands nicht mehr sehr wahrscheinlich erscheint. 


Morgen in meinem Technology Review-Blog gibt es mehr militärisches, nämlich eine Möglichkeit zur gesellschaftlich nachhaltigen Kriegsführung.

Geldpolitischer Krimi: Bank von Japan weicht geschickt aus

Japans Notenbank lockert Geldpolitik - ein bisschen


Das Fingerhakeln zwischen Japans Regierung und Notenbank um eine drastische Lockerung der Geldpolitik geht weiter. Die Regierung will die Notenbank zwingen, tur Konjunkturförderung und Deflationsbekämpfung mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Die Bank von Japan stemmt sich dagegen. Heute hat sie oberflächlich gesehen nachgegeben, aber nicht wirklich Hilfe geliefert.


Die Summen erscheinen hoch, aber letztlich werden sie real voraussichtlich nicht viel bewirken. Die Bank von Japan verlängerte nicht nur den im Dezember beschlossenen Kreditrahmen für Banken um weitere drei Monate, sondern verdoppelte ihn auf 20000 Mrd. Yen (160 Mrd. Euro). Damit will die Notenbank mehr Geld in das Finanzsystem injizieren, um die Deflation bekämpfen, erklärte Notenbank-Gouverneur Masaaki Shirakawa den Mehrheitsbeschluss des geldpolitischen Ausschusses. Zwei der acht Mitglieder stimmten dagegen.


Die Märkte reagierten daraufhin mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung. Der Wechselkurs des Yen schwächte sich gegenüber Dollar und Euro flugs leicht ab und der Nikkei-Aktienpreisdurchschnitt stieg um 1,2 Prozent auf 10846,98 Yen. Denn der Entscheid war mit Spannung erwartet worden, weil die Märkte sich Aufschluss darüber erhofften, ob die Regierung die Notenbank durch politischen Druck zu einer weiteren Lockerung ihrer Geldpolitik über das Festhalten an der sehr niedrigen Zinsrate von 0,1 Prozent hinaus bewegen kann oder sich die Notenbank offen sperrt.


Die Regierung möchte, dass die Notenbank mehr Geld in die Wirtschaft leitet, damit sie so schnell wie möglich mit der Konsolidierung des hochverschuldeten Staatshaushalts beginnen kann. Die Staatsschuld beträgt bereits fast 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Als Massnahme schweben Volkswirten vermehrte Käufe von japanischen Regierungsanleihen vor. Die Notenbank hingegen gilt als konservativ und sträubt sich nach Meinung von Beobachtern gegen radikale geldpolitische Lockerungsübungen in Zeiten, in denen der von Exporten angetriebene Aufschwung wie sich derzeit andeutet auf die Binnenwirtschaft überzugreifen beginnt.


Der endgültige Ausgang des Fingerhakelns ist allerdings auch nach dem gestrigen Beschluss offen, schließlich hat die Notenbank nur die Mindesterwartung erfüllt. Gleichzeitig bekräftigte Notenbankchef Shirakawa seine Einschätzung, dass die Geldpolitik der Bank von Japan allein die Deflation nicht schlagen könne. „Ich wünschte, es gebe ein Wunder, aber wir können nur an unseren Anstrengungen festhalten“, so Shirakawa wörtlich.


Shirakawas fehlende Bekenntnis zu den Handlungsmöglichkeiten der Notenbank verstärkt den Eindruck, dass er schlicht Zeit kaufen will, bis der Deflationsdruck nachlässt. Wenn er wirklich ein Zeichen hätte setzen wollen, dass ihm sein im Dezember bei der Einführung des Kreditrahmens gegebenes Versprechen, Deflationsbekämpfung zu einem Hauptziel zu machen, ernst wäre, hätte er zumindest eine längere Laufzeit der Maßnahmen von sechs Monaten oder einem Jahr verkünden müssen, lautet ein Vorwurf. So erwarten Ökonomen nur einen minimalen Einfluss auf die Konjunktur.


Ein Wendepunkt könnte die Vorlage des mittelfristigen Haushaltsrahmens der Regierung im Juni werden. Wenn sich die Regierung dort zu einer Haushaltskonsolidierung bekennt, halten Experten es durchaus für möglich, dass die Notenbank wie schon 2001 unter dem Reform- und Sparministerpräsidenten Junichiro Koizumi den Kauf von japanischen Regierungsanleihen noch einmal erhöht. 


Allerdings spielt die Wirtschaftsentwicklung der Notenbank in die Hände. Viele Unternehmen und Betriebsgewerkschaften haben sich darauf geeinigt, trotz der Krise an den regulären, an die Dauer der Firmenzugehörigkeit gebundenen Gehaltssteigerungen festzuhalten. Dies könnte den Konsum beleben. Denn bislang befürchteten viele ältere Arbeitnehmer, dass die Unternehmen mit der Tradition brechen würden.

Dienstag, 16. März 2010

Homatherm: Housing insulation biz heats up


In Eurobiz, der Publikation der europäischen Handelskammer in Japan, erschien kürzlich der folgende Artikel von mir. Meine These zu den auf den ersten Blick guten Wachstumsmöglichkeiten deutscher Baumaterialhersteller auf dem Hausbaumarkt in Japan: Großer Markt mit kleinen Chancen. Japans Energieeffizienzstandards sind so niedrig, dass sich etwas teurere umweltschonende Baustoffe, in denen Deutschland Lichtjahre Vorsprung vor Japan genießt, nur schwer gegen die herkömmliche Massenware durchsetzen lassen. Ausnahmen bestätigen die Regel, und eine dieser Ausnahmen könnte der Isoliermattenhersteller Homatherm sein.

Homatherm: Housing insulation biz heats up

When a fire abruptly shut his wood-fibre insulation plant in Germany, Homatherm president Horst Mosler really began to appreciate his Japanese partners. In a flash, the just-established plant in Hokkaido ramped up production and supplied its German sister plant. “They jumped from one shift to three shifts in just one week,” Mosler recalls. “It is amazing what is possible in Japan.”


In fact, the market entry of Homatherm, makers of wood-fibre insulation slabs, into the notoriously closed Japanese construction industry is a small wonder in itself. For a foreign construction materials manufacturer to succeed in Japan is a rare feat, but for a small European company to make a meaningful impression on Japan’s huge construction market of wooden houses is almost unheard of.

After years of visiting trade fairs and building contacts, Homatherm and its local partner, the Natural Energy Research Center, gained not only approval to produce their insulation material in Japan, but also substantial subsidies to set up the €25m plant from the Ministry of Economy Trade and Industry, the Ministry of Agriculture Forestry and Fisheries, as well as Hokkaido prefecture.

“We were pushing at an open door,” says Mosler. The key to their success, he believes, is the product itself. Their wood-fibre slabs not only insulate better than conventional rock wool insulation, but also store much more humidity without losing their insulation properties or developing harmful mould. Plus, they are easier to use.

But what really attracted Japanese bureaucrats was the product’s ability to revive local forestry by providing a demand for wood.

First, however, they had to choose a business model. After procuring the services of ECOS consulting, a German consultancy specializing in small and medium-sized enterprises entering the Japanese market, they opted for a licensing system. A local partner would be the principal licensee of the technology, while Homatherm would get royalties and provide technological and managerial support.

Next, they had to find the right partners. They chose the Natural Energy Research Center (NERC) because of its links with science, ministries and the local industry. The head of NERC, Norio Ohtomo, a professor at Hokkaido University, in turn set up a company, Wood Fiber (Kinoseki), with local partners. Among them was Nakayamagumi, a leading construction company in Hokkaido.

Their third, and ongoing, challenge is to sell the material, says Mosler. Fortunately, the potential is huge, not least because Japanese construction material is so far behind that of Germany. Mosler keeps wondering why the Japanese, who relentlessly pursue quality in many other fields, settle for outdated technology in their homes. Single-glazed windows are still standard, whereas in Germany triple-glazed windows are becoming the norm (and are cheaper than Japanese double-glazed windows, even when imported to Japan).

But he knows that success will need a change of thinking by the construction industry. The conventional wisdom among builders, mirrored in construction standards, is to wrap a wooden building in plastic geomembrane, to keep out mould-inducing humidity, the number one enemy of wooden houses.

Humidity is our friend

But that betrays a lack of understanding of modern building physics, claims Mosler. “With our material, humidity becomes our friend,” he says. German homes allow humidity to permeate walls, but remain airtight and warm, even in winter. Special smart films, that change the direction of the humidity flow according to the seasons, are already available – even in Japan.

Despite the good start, Mosler is modest: “It would be a little much to say we have established ourselves.” Their one plant can only supply enough insulation for 10,000 homes, a tiny fraction of the huge Japanese market. But the Tokyo Home & Building Show last year suggested plenty of potential. In three days Wood Fiber collected 400 meaningful contacts and was approached by 100 companies that want to try out the insulation.
Hier der Link zur Eurobiz-Homepage.

Montag, 15. März 2010

Die Welt: "Was Nanotechnik alles kann"

Am Sonnabend wurde in der "Welt" ein Artikel von mir veröffentlicht, in dem ich den neuesten Trend in Sachen Nanotechnik beschreibe: Die Entwicklung von der Grundlagenforschung zu Produkten. 
Wer mehr lesen will: Hier geht's zum Artikel ...


Auf Technology Review habe ich zuvor schon ein paar Sachverhalte hier beschrieben.
Fotos finden sich hier...

eAuto: Japaner wollen Standard für Schnellladesystem setzen

Heute haben eAutos gut Lächeln. Toyota, Nissan, Mitsubishi Motors, Fuji Heavy (Subaru) und Tokios Stromversorger Tepco haben offiziell die Vereinigung Chademo gegründet, mit der sie weltweit ihr System zur Schnellladung von eAuto-Batterien zum Standard machen wollen. 
Das Wort Chademo soll eine Abkürzung für "Charge de move" sein und ein japanisches Wortspiel begründen (o cha demo ikaga desuka?), was laut den Initiatoren übersetzt so viel wie "Lass uns einen Tee trinken, während die Batterie lädt" heißt. 
Das lächelnde Logo wiederum symbolisiert die Ladeeinrichtung (die beiden gekippten T's) und "Move" oder auf deutsch Bewegung (der geschwungene Strich) symbolisieren.
* Die Festlegung eines Standards hat durchaus eine Auswirkung auf den Wettbewerb. Denn die Unternehmen legen damit nicht nur die Form des Steckers fest, sondern auch die Lademethode. Die Initiatoren gehen davon aus, das sich weitere Hersteller und Unternehmen der Vereinigung anschließen werden. 
Die Zeit drängt. Denn die ersten eAutos sollen bereits dieses Jahr auf den Markt kommen. Und die japanischen Hersteller haben Angst, dass die China dank des ambitionierten Plans der dortigen Regierung zur Massenelektrifizierung des Autoverkehrs der Welt einen De-Facto-Standard aufdrücken und die Investitionen japanischer Hersteller in die Batterieproduktion entwerten. 

Die Newsliste: Montag, 15.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:



Arbeitsmarkt
Die verlorenen Jahrgänge - Schlechte Zeiten für Uni-Absolventen
2009 war schon ein miserables Jahr für künftige Uni-Absolventen, die alljährlich im Frühjahr für das folgende Jahr auf Jobjagd gehen. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen verbessert, wird auch dieser Jahrgang in die Röhre gucken: Nach einer Studie der Wirtschaftszeitung Nikkei wollen die Unternehmen ihre Neueinstellung für April 2011 (!) nur um drei Prozent erhöhen.
* Die Krise versaut damit vielen jungen Menschen das Leben. Bedanken dürfen sie sich bei einem nach wie vor rigiden Personalsystem, das auf einer hochritualisierten Praxis beruht. Anders als in Deutschland stellen Firmen ihre Frischlinge nämlich generell nicht während des gesamten Jahres ein, sondern nur im April. Die Auswahl findet dabei bereits im dritten Semester statt.
Krisen und zweite Chancen sind in diesem System nicht vorgesehen. Damit blicken die Studis, die keine feste Einstellung ergattert haben, einem schweren Leben entgegen.


Dazu: Keidanren fordert auf Asien-Symposium asiatischen Wachstumsplan
Auf dem Treffen von asiatischen Wirtschaftsführern in Tokio forderte der Keidanren ein asiatisches Wachstumsprogramm. Asien werde die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren ziehen, so der Keidanren. Eine Idee ist, durch Infrastrukturmaßnahmen die Binnennachfrage in den Schwellenländern anzuheben.
* Bisher ist mir noch nichts sonderliches originelles aus dem Keidanren-Symposium zu Ohren gekommen. Das heißt jedoch nicht, dass Infrastrukturprogramme nicht wirken. Sie dürften sogar recht gut wirken. Und der Keidanren hofft natürlich, dass besonders Japan investiert und die Empfänger dann dankbar japanische Maschinen kaufen.


POLITIK
Weitere Verfallserscheinungen bei der LDP
Kunio Hatoyama, der Bruder von Japans Ministerpräsident Yukio Hatoyama, hat erklärt, er sei seelisch bereit, aus der im Sommer 2009 von den Japanern in die Opposition verbannten liberaldemokratischen Partei auszutreten und eine neue Partei zu gründen. Damit hat nach Ex-Finanzminister Kaoru Yosano bereits das zweite Schwergewicht der LDP eine Spaltung der einstigen Dauerregierungspartei angesprochen.
* Die LDP scheint damit den Weg der kommunistischen Parteien in den Staaten des Warschauer Pakts zu gehen. Die LDP kann nach Meinungsumfragen kaum zulegen, obwohl die Popularität der regierenden Demokraten bröckelt. Die innenpolitische Lage bleibt damit im Fluss, Vorhersagen über den Ausgang der Oberhauswahlen sind damit so gut wie unmöglich.
Ein Brüder-Bund wäre pikant, denn allzu gut kommen der konservative Todesstrafen-Fan Kunio und der eher sozialdemokratisch angehauchte Yukio nicht miteinander aus.

Samstag, 13. März 2010

Sushi-Hunger blockiert Thunfischschutz

Am Sonnabend startet im Scheichtum Katar die Tagung des Washingtoner Artenschutzuebereinkommens, auf der ein über ein Handelsverbot für Thunfisch abgestimmt werden soll. Japan hat sich für die Sitzung wie schon beim Walfang die Rolle des bösen Buben  ausgesucht und will ein Handelsverbot verhindern, oder wenn das nicht klappt, unterlaufen.


Japan will ein mögliches Handelsverbot von Thunfisch aus dem Atlantik oder dem Mittelmeer unterlaufen. Wenn es auf der Tagung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens, die am heutigen Sonnabend im Scheichtum Katar beginnt, „hart auf hart kommt, werden wir Vorbehalt einlegen“, kündete jüngst Japans Vize-Landwirtschaftsminister Masahiko Yamada an. 


Mit dieser harten Ankündigung reagiert Japan auf den Vorstoß Monacos, die Bestände von Blauflossenthun im Atlantik und Mittelmeer als „unmittelbar bedroht“ einzustufen und damit den internationalen Handel zu verbieten. Japans Schritt würden den Bann jedoch aushebeln. Denn das Land könnte damit weiter den Fang von Nationen kaufen, die ihrerseits Vorbehalt einlegen. Und wahrscheinlich werden viele Nationen dieser Versuchung nicht widerstehen können, weil Japan schlicht der größte Importeur des edelen Fisches ist.


Drei Viertel des Thunfangs verschwindet roh als Sashimi oder Auflage für Sushi in japanischen Mägen. Denn das Fleisch des majestätischen Fisches gilt hierzulande als der höchste Hochgenuss. So erzielte ein Thunfisch in der traditionellen Jahresauftaktauktion auf dem Tokioter Fischmarkte einen Preis von 16,2 Millionen Yen (130000 Euro).


Noch ist nicht einmal gesichert, dass sich die Artenschützer durchsetzen. Der Vorschlag benötigt eine Zweidrittelmehrheit, um in Kraft zu treten. „Und um die wird es in Doha zu einer Art Schlacht zwischen den Befürwortern und Gegnern des Banns um die anderen Nationen kommen“, sagt ein Vertreter des japanischen Fischereiministeriums. 


Die Europäische Union und die USA haben sich bereits auf die Seite der Artenschutzorganisationen geschlagen, die seit Jahren vor einem Kollaps der Thunfischbestände warnen. Greenpeace fordert bereits, weite Teile der Weltmeere in Schutzzonen umzuwandeln, in denen jeder Fang verboten wird. So soll sich der Bestand erholen können. Japan hingegen kämpft selbst auf die Gefahr gegen ein Handelsverbot, dass die Nation wie schon bei der Fortsetzung ihres Walfangs von den Umweltschutzgruppen an den Pranger gestellt wird.


Japans Motiv ist nicht die Angst, keinen Thunfisch für Sushi und Sashimi mehr zu haben. Einen Großteil des edlen Fisches bezieht das Land eh aus dem Pazifik. Das Land sieht sich schlicht zu unrecht angeprangert, da es sich als Vorreiter eines geregelten Fangs und die EU als Bremser ansieht. 


Das Ministerium klagt die EU an, japanische Vorstöße zum Artenschutz in der Internationalen Kommission für den Schutz des Thunfischs im Atlantik (ICCAT) blockiert zu haben. Die ICCAT regelt den Thunfischfang im Atlantik und im Mittelmeer. Der Thunfisch in anderen Regionen wird von ähnlichen internationalen Gremien gemanagt. „Die ICCAT war sehr faul“, sagt der japanische Beamte. 


So habe Japan voriges Jahr auf der ICCAT eine Aussetzung des Fangs vorgeschlagen, aber die EU habe sich dagegen ausgesprochen. Stattdessen wurden die Fangquoten nur um 40 Prozent gesenkt. „Nun fordert die EU auf einmal einen Handelsbann“, so der Beamte, „wir sind sehr überrascht.“


Dass die Bestände gefährdet sind und etwas getan werden muss, steht dabei außer Frage. Denn nicht nur der geregelte, sondern auch der illegale Fischfang setzt der Delikatesse zu. Nur weist Japan daraufhin, dass zum einen die Einstufung des atlantischen Bestandes als extrem gefährdet wissenschaftlich noch umstritten ist. Denn die Forscher fußen ihre Analysen auf unterschiedlichen Schätzungen des ursprünglichen Bestands. Zum anderen hält die Regierung die ICCAT und nicht die Artenschutzkonferenz für zuständig. 


Zum anderen bezeichnet Japan ein Handelsverbot für ungerecht, da es einige Staaten stärker trifft als andere. Schließlich dürfen die Staaten trotz eines Handelsbanns innerhalb ihrer 200-Meilen-Zone Thun fischen und innerhalb des Landes verkaufen und verzehren. Dies sichert Küstenfischern in den USA und der EU weiter das Überleben, da diese Märkte über eigene Nachfrage verfügen. Fischer in reinen Exportländern wie der Türkei oder Tunesien müssen hingegen die Netze einholen.


Japans Fischereibehörde unterstrich seine Position am Donnerstag mit einer Pioniertat. Erstmals stoppte es die Auslieferung von 2200 Tonnen Thunfisch wegen Ungereimheiten in den Lieferdokumenten, berichten Japans Medien. Für Artenschützer ist dies ein Beleg für die weite Verbreitung illegaler Raubfischer. Die Regierung will damit hingegen nach Meinung von Experten demonstrieren, dass die Schutzmechanismen der ICCAT Thunfischfang funktionieren. 


Gleichzeitig wischt Japan der EU eins aus. Denn pikanterweise handelt es sich teilweise um Fisch , den französische und italienische Fischer als Jungfisch gefangen, in Malta in Thunfischfarmen gemästet und dann tiefgefroren nach Japan exportiert haben. 


Die Thunfischmast ist beliebt, aber bis vor kurzem kein Mittel gegen die Ausrottung, weil die Züchtung von Nachwuchs in der Gefangenschaft nicht möglich war. Daher mussten die riesigen Netze der Farmen durch Fang aufgefüllt werden. Doch hier liefert Japan inzwischen eine Lösung. Den Wissenschaftlern der Kinki Universität ist es gelungen, den vollen Kreislauf vom Laichen bis finalen Fang in der Gefangenschaft zu durchlaufen. 
Inzwischen wird die Technik auch im Ausland verkauft. 


Aufsehen erregte voriges Jahr die Zusammenarbeit mit der australischen Firma Clean Seas, in der erstmals südlicher Blauflossenthun gezüchtet wurde. Das Magazine Time bezeichnete diesen Durchbruch als zweitbeste Erfindung des Jahres 2009. Für Gourmets bleiben die Mastfische allerdings nur zweite Wahl. „Wilder Thunfisch schmeckt einfach besser“, sagt der japanische Fischereiexperte. 

Freitag, 12. März 2010

Toyota: Vertragsarbeiter begeht Selbstmord im Prius

Toyota kommt in Japan aus den negativen Schlagzeilen nicht heraus. Heute hat sich ein Vertragsarbeiter in der Fujimatsu-Fabrik der Toyota-Tochter Toyota Auto Body in einen Prius gesetzt und Selbstmord begangen. Er soll Schwefelwasserstoff inhaliert haben. Ist die Konzentration des toxischen Gases hoch genug, tritt der Tod fast sofort ein.
Das Motiv ist aus den mir vorliegenden Medienberichten noch nicht zu entnehmen. Aber nach Gerüchten, die mir zugetragen wurden, soll sein Vertrag nach drei Jahren Schufterei als Vertragsarbeiter nicht verlängert worden sein. Toyota und andere japanische Firmen haben in den Boomjahren vor allem Vertragsarbeiter eingestellt, um im Aufschwung die Löhne zu senken und in der Krise einfacher Personal loszuwerden. Vertragsarbeiter muss ein Untenehmen schließlich nicht feuern. Das Management verlängert schlicht die Verträge nicht mehr. 
* Toyotas Arbeitsbedingungen sind vor ein paar Jahren in die Kritik geraten, weil zwei Angestellte nach amtlicher Feststellung an Karoshi (Überarbeitung) gestorben waren. 2002 war ein 30-jähriger Arbeiter umgefallen, 2006 ein leitender Ingenieur bei der Entwicklung des Camry Hybrid.

Die Newsliste: Freitag, 12.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage: 


Japans Premier Hatoyama will weicheren Yen erzwingen
Ministerpräsident Yukio Hatoyama will Schritte zur Stützung des Yen-Kurses unternehmen. Wegen Entwicklungen im Ausland sei der Yen-Kurs erstarkt, was nicht die Schwäche der japanischen widerspiegele, sagte Hatoyama im Parlament. "Ich denke, wir müssen harte Schritte gegen die Yen-Stärke unternehmen."
* Hatoyama verstärkt mit seinem Auftritt wenige Tage vor der kommenden Notenbank-Tagung  die Spekulationen, dass Japans Regierung näher an Wechselkursinterventionen heranrückt und die Notenbank ihre Geldpolitik lockert.


Dazu: Geldpolitik: Neues Vorstandsmitglied
Japans Regierung ernennt neues Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Notenbank. Damit ist auch der letzte freie Platz, der seit 2008 unbesetzt war, wieder gefüllt. Der Kandidat heißt Yoshihisa Morimoto und ist ein ehemaliger Vorstand vom Tokioter Stromversorger Tepco.


Japan inhaftiert Walschützer
Japans Küstenwache hat heute bei der Rückkehr der japanischen Walfangflotte ein Mitglied der radikalen Walschutzorganisation Sea Shepherd wegen illegalen Betretens eines Walfangschiffes festgenommen. Bethune hatte in antarktischen Gewässern ein Schiff der Flotte geentert. Er wollte damit gegen den Verlust seines Schiffes demonstrieren, das von dem Walfangschiff über den Haufen gefahren war.
Außerdem läuft in Japan gerade ein Prozess gegen zwei Greenpeace-Mitglieder (Tokyo Two), die einen Skandal im Walfleischhandel aufgedeckt haben und sich nun deswegen vor Gericht verantworten müssen. Eine UN-Menschenrechtskommission hat gegen das Verfahren protestiert.



Sushi-Hunger blockiert Thunfischschutz
Am Sonnabend startet im Scheichtum Katar die Tagung des Washingtoner Artenschutzuebereinkommens, auf der ein über ein Handelsverbot für Blauflossenthunfisch aus dem Atlantik und dem Mittelmeer abgestimmt werden soll. Japan hat sich für die Sitzung wie schon beim Walfang die Rolle des bösen Buben  ausgesucht und will ein Handelsverbot verhindern, oder wenn das nicht klappt, unterlaufen. Wenn es hart auf hart käme, werde Japan Vorbehalt einlegen, hatte ein hochrangiger Kader des Landwirtschaftsministeriums erklärt. Damit könnte Japan, der größte Thunfisch-Importeur der Welt, nach den Regeln des Artenschutzabkommens mit Ländern weiter Handel treiben, die ebenfalls Vorbehalt anmelden. 




Hier noch eine Südkorea-Meldung mit entferntem Bezug zu Japan:
Wandelt Hyundai auf Toyotas Pfaden? 
Hyundai Motor wählt Sohn des Chairman in den Vorstand. Dies wird als ein wichtiger Schritt für die geregelte Machtübergabe vom 72-jährigen Chairman Chung Mong-koo an seinen 40-jährigen Erben Chung Eui-sun gesehen.
Hyundais Entwicklung sieht damit immer mehr wie eine Kopie von Toyotas Weg aus. Wie Toyota seit Mitte der 1990er Jahre steigert Hyundai derzeit seinen Absatz rasant. Wie bei Toyota wählt Hyundai in dieser Expansionsphase ein junges Familienmitglied in den Vorstand. Und wie Toyota leiert der Vorstand die Litanai "Qualität über alles" hinunter. Kein gutes Omen für Chung Junior: Bei Toyota hat Akio Toyoda das Unternehmen mitten in der Krise übernommen. Mal sehen, ob sich die Geschichte wiederholt.

Donnerstag, 11. März 2010

Tech-Blog: Systemkrieg setzt Spiegelreflexkameras zu

Im donnerstäglichen Blog auf Technology Review setze ich mich mit der Zukunft der Spiegelreflexfotografie auseinander. Meines Erachtens werden traditionelle Spiegelreflexkameras im Massenmarkt von Wechselobjektivsystemen ohne das aufwendige und schwere Spiegelsystem ersetzt. Pioniere sind Panasonic und Olympus mit ihrem Micro FourThirds-System. Doch seit diesem Jahr spielt auch Samsung mit.
Am Dienstag hat Panasonic in Japan die erste Kamera mit Wechselobjektiven UND Touchscreen vorgestellt, die Lumix G2. Ich habe sie ausprobiert und muss sagen, sie ermöglicht wirklich ein ganz neues Fotografiergefühl: Mit einem einfachen Fingerklick auf den Touchscreen können Fotografen mit dem Gerät ein Motiv scharf stellen (der Autofokus verfolgt das markierte Motiv sogar, wenn es sich oder sich die Kamera bewegt) oder sogar auslösen.
Auf dem Foto hier demonstriere ich mit Hilfe eines freundlichen Handmodells, wie das Auslösen funktioniert. Man aktivere den Touchscreen-Auslöser (gelb markiertes Symbol), wähle den Bildausschnitt und tippe auf das Motiv, das man scharf gestellt haben möchte. Klick - und fertig ist das Bild. Eine tolle Idee zum Auslösen und Fokussieren in den verrücktesten Positionen.
Und so sieht die Kamera auseinandergenommen aus. 
Interessant sind auch die neuen Objektive, mit denen Panasonic das volle Brennweitenspektrum vom Fish-eye bis zum Super-Tele abdeckt.
Um die Brennweitenangabe mit einer herkömmlichen Kleinbildkamera vergleichbar zu machen, muss man den Wert verdoppeln.
Neueinsteiger in das Segment werden einige Zeit brauchen, bis sie Panasonics und Olympus Objektiv-Vielfalt einholen werden. 
Und hier noch die neue Farbe. 
Zu meiner Überraschung war die Pressepräsentation am Dienstag übervoll. Dies zeigt, dass zumindest in Japan ein riesiges öffentliches Interesse an diesem Kameratyp besteht.