Mittwoch, 31. März 2010

Toyota: Kulturrevolution unter Kirschblüten

Vor dem Hauptquartier von Toyota in Toyota-City läuten blühende Kirschbäume den Frühling ein. Auch im Sitz des größten Autobauers Japans weht ein frischer Wind. Konzernchef Akio Toyoda hat am Dienstag 50 Topmanager aus aller Welt zum ersten Treffen des Sonderkomitees für globale Qualität geladen. Diese Taskforce soll unter seiner Leitung die Hauptzutat von Toyotas Erfolg retten: den Ruf als Qualitätshersteller, den der Konzern zuletzt durch den Rückruf von mehr als acht Millionen Autos ramponiert hat. „Wir wollen alle Qualitätsabläufe erneut überprüfen“, verspricht Toyoda.
Mit diesem Gremium zettelt der 53-jährige Enkel des Firmengründers bewusst eine kleine Kulturrevolution an. Toyoda ist im vorigen Jahr angetreten, um unter dem Schlachtruf „Zurück zu den Wurzeln“ den schwerfällig gewordenen, zentral geleiteten Konzern in mehrere regionale, agile Toyotas zu zerlegen. „Entscheidungen sollen so nahe wie möglich am Kunden gefällt werden“, erklärt Toyoda, nicht mehr wie bisher unter Kirschblüten.
Das Spezialkomitee sei ein Teil dieses „Neustarts“, so Toyoda. Im Endeffekt versucht er damit nichts weniger, als die Dezentralisierung voranzutreiben und die verkrustete Konzernbürokratie aufzubrechen. Sein Stosstrupp sind neun Qualitätsmanager, im Unternehmensjargon „Chief Quality Officer“ oder kurz CQO genannt. 
Sie vertreten die Hauptregionen des Konzerns vertreten, namentlich den USA, Europa, China, Japan, Asien und Ozenanien sowie dem Rest der Welt. Sie sollen unter Umgehung der Konzernbürokratie den Beschwerden der lokalen Kundschaft in der Zentrale direkt und weniger gefiltert Gehör verschaffen, gleichzeitig bei Rückrufe mitentscheiden, die bisher vor allem von Japan aus befohlen wurden, und vor Ort regionale Qualitätskomitees leiten. Europa wird durch den Franzosen Didier Leroy vertreten. 
Unterstützt wird der Vorstoss durch die Einrichtung von mehr als einem Dutzend weltweit verteilter lokaler Qualitätssicherungszentren. Dadurch hofft Toyota, schneller Kundenbeschwerden auf den Grund zu gehen und sie nicht mehr auf dem Weg durch die Verwaltung abzuschwächen. Denn ein Großteil der jetzigen Probleme sind behäbiger Fehlerkorrektur und abwiegelnder Bewertungen geschuldet. 
Ein Problem mit einem feststeckenden Gaspedal, das einmal getreten sich in einigen Fällen nur langsam oder gar nicht zurück bewegte, ist in Europa bereits im Jahr 2007 aufgefallen, aber offenbar nur teilweise behoben worden. 2009 tauchten Beschwerden in den USA auf. Dies führte im Januar zum zweiten Millionenrückruf in wenigen Monaten.
Der Aufwand tut dringend Not. Denn Toyota und Toyoda haben durch die Rückrufe und ihre träge Reaktion die wirtschaftliche zu einer regelrechten Vertrauenskrise ausufern lassen, die den Konzern auf Jahre hinaus zu belasten drohen. Schon vor dem Rückrufdebakel ist Toyota durch den krisenbedingten Kollaps der Autonachfrage in den Industrienationen im Jahr 2008 von einem Rekordgewinn auf einen Rekordverlust abgerutscht. Auch für das Ende März ablaufende Bilanzjahr erwartet Toyota rote Zahlen.
Die Rückrufe haben nun Toyotas Ruf als Qualitätshersteller in seinem einstigen Hauptmarkt USA just in dem Moment zerstört, in dem die Amerikaner wieder Autos zu kaufen beginnen. Toyoda musste sich sogar vor einem Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses für vermeintliche Qualitätsmängel verantworten. „Sind Toyota-Autos noch sicher?“, fragten die US-Politiker in einer Manier, die in Japan als gezielte Kampagne gegen Toyota zum Wohle der kriselnden US-Hersteller wahrgenommen wurde. Zusätzlich droht Toyota in den USA eine Prozesslawine, die die Bilanz mit mehreren Milliarden US-Dollar belasten könnte. Toyoda muss nun langen Atem beweisen. Denn ein Ruf ist weit schwerer repariert als ein Auto.

Tech-Blog: Nuklearer Klimaschutz - und was der Monju-Reaktor mit Industriepolitik zu tun hat

Mein Tech-Blog auf Technology Review läuft diesmal wieder am Mittwoch. 
Thema ist diesmal Japans Klimaschutzprogramm.


Aus gegebenen Anlass,
hier ein Update zum Monju-Reaktor.
Unter dem Eintrag steht noch eine Link-Sammlung zu früheren Monju-Texten.


Monju bleibt vorerst offline
Das Prestigeprojekt der japanischen Atomindustrie, der Neustart des schnellen Brüters Monju nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause, verzögert sich weiter. Wegen eines politischen Fingerhakelns zwischen der Präfektur Fukui und der Zentralregierung konnte der umstrittene Versuchsreaktor nicht im März in Betrieb genommen werden.


Wie lange sich der Neustart hinauszögern wird, vermag derzeit keiner der Beteiligten zu sagen. Die Betreiber haben zwar die gesetzlichen Hürden gemeistert, aber Issei Nishikawa, der Gouverneur von Monjus Heimatpräfektur Fukui will nach Aussagen von Insidern seine Zustimmung gegen weitere Zugeständnisse der Regierung wie einen Anschluss an Japans Shinkansen-Netz verkaufen.


Für die Regierung ist die erneute Verschiebung ein kleiner Gesichtsverlust. Denn der Monju-Reaktor ist das Symbol für Japans ambitionierte Atomenergiestrategie: Das Land will sich in der globalen Renaissance der Atomkraft nichts weniger als die industrielle Führungsrolle sichern. Nach Angaben der internationalen Atomenergiebehörde befinden sich derzeit weltweit 56 Atomkraftwerke (Akw) in Bau oder Planung, ein Großteil davon in den USA und den Schwellenländern Indien und China. Und im Kampf um diese Aufträge ist Japan mit gleich drei internationalen Kraftwerksbauern so gut aufgestellt wie kein anderes Land.


Toshiba hat seine globalen Ambitionen durch den Kauf des US-Unternehmens Westinghouse unterstrichen, Hitachi durch einen Bund mit GE. Mitsubishi Heavy Industries wiederum kooperiert mit Frankreichs Areva in einigen Regionen bei der Entwicklung von Akws. Zudem sind die Japaner nach Frankreichs Ausstieg die einzigen Anbieter, die aktiv Brutreaktoren weiter entwickeln, die nicht nur Strom, sondern auch neues spaltbares Material erzeugen. Nach den amtlichen Plänen soll bis 2025 der erste Demonstrationsreaktor fertig gestellt und ab 2050 mit der Vermarktung begonnen werden.


Doch die Japaner spüren bereits den Atem der verbleibenden Konkurrenten im Nacken, namentlich der russischen Atomindustrie und vor allem des Neulings Südkorea. Die koreanische Atomallianz aus einem Stromkonzern und Kraftwerksherstellern hat sich jüngst ihren ersten Großauftrag über den Bau von Akws in den Vereinigten arabischen Emiraten im Wert von 40 Milliarden Dollar gesichert.


Nach der Einschätzung von Shunsuke Kondo, dem Vorsitzenden der japanischen Atomernergiekommission, unterscheiden sich die Chancen von Japans Atomindustrie allerdings je nach Region deutlich. Dank ihrer lokalen Bündnispartner haben die Japaner gute Chancen, von der energiepolitischen Wende in den USA zu profitieren. Nach einer 30-jährigen Abstinenz im Akw-Bau will die Regierung in den kommenden drei Dekaden 30 Meiler neu bauen. Um dieses Volumen konkurrieren die Japaner nur untereinander und mit Areva.


Gutes Geschäft verspricht auch der Heimatmarkt. Japans Regierung will die bestehenden 54 Reaktoren um neun weitere ergänzen, um Kohlendioxidemissionen und Japans Abhängigkeit von Energieimporten zu senken. Der Anteil von Akws an der Stromerzeugung soll so bis 2030 von 30 auf 49 Prozent erhöht werden.
In den restlichen Märkten stehen die Hersteller allerdings vor großen Herausforderungen. Die Regierungen in den viel versprechendsten Wachstumsmärkten China und Indien wollen aus militärischen Gründen ihre eigene Atomindustrie aufbauen. Ausländische Hersteller sind daher nur in der Anfangsphase genehm – wenn sie denn gleichzeitig ihre Technik übergeben. In diesen Ländern rät Kondo der japanischen Industrie dazu, sich auf die Rolle als Zulieferer von Material und Geräten zu beschränken.


Und in den anderen Märkten Asiens und des Nahen Ostens sind die Südkoreaner dank eines neuen Geschäftsmodells plötzlich zu formidablen Rivalen aufgestiegen. Im Gegensatz zu Areva und den Japanern, die Anlagen liefern, bieten sie ihren Kunden an, die Kraftwerke nicht nur zu bauen, sondern auch zu betreiben und nach einer festgelegten Dauer zu übergeben (BOT, Built, Operate, Transfer). Dies ist für Länder mit beschränkten Knowhow in der Atomenergie attraktiv. Japans Atomindustrie und Strombetreiber überlegen bereits, ein ähnliches Konzept aufzulegen, um ihre Chancen in Südostasien zu stärken.


Die unendliche Geschichte des Monju-Reaktors
1983 wurde die Baugenehmigung für den Schnellen Brüter erteilt, der nach Monju (Sanskrit: Mañjuśrī), dem buddhistischen Bodhisattwa der reinen Weisheit benannt wurde. Nach einigen Monaten am Netz trat im Dezember 1995 durch ein Leck im sekundären Kühlkreislauf das Kühlmittel, flüssiges Natrium, aus, und verursachte einen schweren Brand. Da die Betreiber erst mit 90 Minuten Verzögerung den Reaktor abschalteten und zudem versuchten, dass Ausmaß des Unfalls zu vertuschen, wurde das Vertrauen der Japaner in die Atomindustrie bis heute nachhaltig erschüttert. Nach einer Umfrage der Regierung standen 2009 noch immer 54 Prozent der Bevölkerung Akws skeptisch gegenüber. Seit 2003 bemühte sich die Regierung, Monju im Jahr 2008 wieder ans Netz zu bringen. Doch immer wieder wurde der Neustart verschoben. 


Links:
23.3.2010    Bill Gates und Toshiba brüten an Brütertechnik ...
24.3.2010    Tech-Blog: Unfertig ausgebrütet
24.3.2010    Chronik des Schnellen Brüters Monju
25.3.2010    Replik: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet

Noch ein teurer eAuto-Spaß: Mitsubishi macht Nissan nach

Nissans heutige Preisankündigung für sein Elektroauto Leaf hat offenbar den Pionier der Branche, Mitsubishi Motors, dazu veranlasst, seinem kleinen eMini "i-Miev" eine große Preissenkung angedeihen zu lassen. Um 18:45 Uhr japanischer Zeit, noch rechtzeitig für die Morgenausgaben der japanischen Zeitungen, kündigte der Autobauer an, dass er Listenpreis für den am 1. April beginnenden Verkaufstart des Stromers an Privatkunden um 619000 Yen auf 3,98 Mio. Yen (32000 Euro) senken werde. (Mitsubishi verkauft den i-Miev bereits seit Juli 2009 an Firmenkunden). Der Preis ist für einen Viersitzer natürlich recht heftig. Aber durch die staatlichen Subventionen soll der effektive Verkaufspreis auf 2,84 Millionen Yen rutschen.
* Das ist nur noch doppelt so teuer wie die Benzin-Version. Geschenkt sozusagen. Aber holt man ja alles durch die niedrigeren Energiekosten wieder rein, oder?



Dienstag, 30. März 2010

Teurer eAuto-Spaß: Nissan gibt Preis für den Leaf bekannt

Nissans erstes eAuto, der Leaf (Blatt), macht seinem Namen alle Ehre: Für den Spaß, emissionslos durch die Gegend zu surren, müssen Kunden ordentlich hinblättern. 3,7 Millionen Yen (30 000 Euro) soll der Kleinwagen im Endeffekt in Japan kosten. Dank der Fördermittel des Staates müssen die Kunden  beim Verkaufsstart im Dezember allerdings nur 3 Millionen Yen selbst bezahlen, teilte Nissan heute mit. Die teure Batterie wird der Kunde nicht kaufen, sondern für eine monatliche Gebühr mieten. 


* Nissans Vorstoß belegt eindrucksvoll, dass eAutos wegen der hohen Batteriekosten derzeit ohne Subventionen nicht wettbewerbsfähig sind. Aber diese Klage ist unsinnig, meint wenigstens Nissan/Renault-Chef Carlos Ghosn, da die Subventionen nun mal Realität seien und daher mitgerechnet werden müssten. Er will sein neues Wägelchen natürlich nur dort auf den Markt bringen, wo staatlicher Zustupf winkt. Es wird spannend, ob er recht behält oder seine Kritiker. In Japans Wirtschaftsbürokratie soll jedenfalls Sorge herrschen, dass Ghosn auf den Bauch fällt und dabei Nissan mit hinunter reißt. Zu Nissans Trost übersteigen die Order bereits die diesjährige Produktionskapazität beträchtlich.

Sonntag, 28. März 2010

The Handy Revolution - das erste modulare Handy der Welt


In Japan hat am Freitag eine kleine Handy-Revolution begonnen. Der Elektronikkonzern Fujitsu hat das erste modulare UMTS-Handy der Welt auf den Markt gebracht. Bei dem von Japans größtem Handynetzbetreiber NTT Docomo verkauften F-04B können Nutzer 3,4-Zoll-Touchscreen-Display mitsamt seiner 12-Megapixelkamera von einem Tastaturteil trennen, das sowohl eine Tastatur mit Schreibmaschinenbelegung wie mit normalen Nummerntasten bietet. 
Das erste lang erwartete modulare Handy stößt die Tür in eine ganz neue Welt des Handygebrauchs auf wie ein kurzer Test der Geräts am Donnerstag zeigte. Da die zwei Sets schnurlos durch Bluetooth verbunden sind, können Kunden gleichzeitig telefonieren und auf dem Display Adressen nachschlagen, Fernsehen oder im Internet browsen. 
Natürlich läßt sich auch nur mit dem Touchscreen telefonieren, der damit zum superflachen und nur 87 Gramm schweren Phone mutiert. Das ebenfalls telefontaugliche Tastaturmodul wiegt 82 Gramm. Zusammengesteckt funktioniert das F-04B wie ein Slidephone.
Fujitsus Vorstoss wird von Experten mit Spannung beobachtet. Denn mit diesem neuen Handykonzept wird ein neues Geschäftsmodell eingeführt. 
Anders als Apple, das durch den Verkauf von Software Extragroschen einstreicht, winken den Herstellern von modularen Systemen durch das Angebot von zusätzlicher Hardware neue Verdienstmöglichkeiten.


Fujitsu bietet als erstes Peripheriegerät einen Miniprojektor an, der bis zu 50 Zoll große Bilder und Filme an die Wand werfen kann. Weitere Hardware soll folgen, als Ideen kursieren Drucker und Scanner oder weitere spezialisierte Displays. Zudem hat Fujitsu hat bereits eine Reihe von Ideen für neue Modulhandys in der Schublade, die das Unternehmen allerdings noch nicht verraten will. „Dies ist erst der Anfang“, sagt ein Manager.
Ein Massenhit dürfte das Gerät allerdings nicht werden. Dazu ist es schlicht zu teuer. Rund 500 Euro soll der Listenpreis laut Insidern betragen. Dafür ist das Gerät allerdings auch mit neuester Technik und Software vollgestopft: GPS, Schrittmesser, elektronische Geldbörse - und interessanterweise Bewegungssensoren in beiden Modulen. 
Dies ermöglicht ganz neue Videospiele: So können die Nutzer zum Beispiel das Tastaturteil für den Golfschwung oder das Bowlen verwenden, während das Display auf dem Tisch die Aktion zeigt.
Auch die Software bietet Neuerungen. Die Kamera (höchste Lichtempfindlichkeit laut Hersteller 25600 ISO) beispielsweise kann über den Touchscreen oder auch fernbedient vom Tastaturset ausgelöst werden. Gezoomt wird durch einfaches Fingergleiten über den Bildschirm.
Zur Bedienung: Hin- und wieder wünscht man sich ein paar Klicke weniger, um zum Ziel zu gelangen, und einen schnelleren Wechsel zwischen Funktionen. Gewöhnungsbedürftig ist zudem die Dicke im zusammengesteckten Zustand (zwei Zentimeter) und die Dünne und Toplastigkeit des Tastaturteils in der Slidefunktion, da die Nummertastur die unterste Schicht des Systems darstellt. Insgesamt wirkt es aber für einen Erstling gut durchdacht.

Donnerstag, 25. März 2010

Handy-Revolution: Fujitsu stellt das erste modulare Handy der Welt vor


Am Donnerstag habe ich ausprobiert, was heute in Japan in den Geschäften landet: das erste modulare Handy der Welt: das von Fujitsu für den Netzbetreiber NTT Docomo hergestellte Docomo Prime Series F-04BAuch auf die Gefahr hin, dass ich als Schönredner bezeichnet werde: Endlich sehe ich mal wieder ein Gerät, dass ich als Meilenstein sehe - technisch und für die Geschäftsmodelle. Und zur Abwechslung lässt es sich auch bedienen. 
Hier schon mal eine kurze Nachricht dazu. Wenn ich Zeit finde, lade ich auch noch Fotos hoch.

Das modulare Handy: Docomo Prime Series F-04B von Fujitsu
Endlich wird getrennt, was getrennt gehört. Der japanische Elektronikkonzern bringt morgen in Japan das erste modulare, mit neuester Hightech vollgestopfte Handy der Welt heraus, bei dem man das Touchscreen-Display mitsamt seiner 12-Megapixelkamera von der doppelten Tastatur (Qwery-Keyboard und reine Nummerntasten) trennen kann. Damit können Kunden nicht nur gleichzeitig telefonieren und Adressen nachschlagen, Fernsehen oder im Internet browsen. Aufgesteckt auf einen optionalen Miniprojektor wird das Handy sogar zum Filmvorführgerät, das bis zu 50 Zoll große stillstehende und bewegte Bilder an die Wand werfen kann.
Fujitsu und der Netzbetreiber NTT Docomo erhoffen sich von diesem neuen modularen Handy eine Revolution des Geschäftsmodells. Im Unterschied zu Apple setzen sie nicht allein darauf, dass die Kunden Programme laden. Sondern sie eröffnen für sich selbst und Drittfirmen die Möglichkeiten, zusätzliche Hardware - Module, Gadgets und Peripheriegeräte wie Drucker oder Scanner - zu entwickeln. Damit hört das Verdienen nicht beim Kauf des Handys und der Telefon- und Datenrechnung auf, sondern Betreiber und Hersteller wird durch den Verkauf von Hardware-Additionen auf die Lebensdauer des Handys verlängert.
Für Fujitsu ist dies nur das erste Gerät dieser neuen Klasse. Weitere modulare Handys für verschiedene Zwecken werden folgen. 
Weitere Features: GPS, elektronische Geldbörse, Schrittmesser, Fernbedienung von Kamera und Videospielen wie Golftrainer oder Bowling, bei denen das Tastaturmodul den Schwung aufzeichnet, während das Display die Analyse wiedergibt (beide Module haben Bewegungssensoren eingebaut), Fotokamera mit ISO 25000...

Die Newsliste: Donnerstag, 25.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage.


Politik

Witzig: Japans Regierung beschließt Truppenumzugsplan
Wenn sich die heutige Idee der japanischen Regierung zum Umzug des US-Luftwaffenstützpunkts Okinawa durchsetzt, drohen Amerikas GIs schwere Zeiten. Die Regierung hat heute nach Medienberichten beschlossen, dass ein Teil des Helikoptergeschwaders ins Camp Schwab im Bezirk Nago auf Okinawa umzieht. Allerdings soll die notwendige Landebahn für Flugzeuge nicht wie im ursprünglichen Plan in Nago gebaut werden. Stattdessen soll die US-Armee eine bestehende Landebahn auf dem 100 Kilometer entfernt liegenden Eiland Tokunoshima nutzen. Der Vorschlag soll morgen mit dem Gouverneur von Okinawa und am Montag am Rande des G-8-Außenministertreffens mit den USA erörtert werden. 
* Alles andere als eine weitere Belastung der Allianzbeziehungen kann ich mir durch diesen Vorschlag nur schwer vorstellen. Ich wäre sehr überrascht, wenn die USA die Teilung ihres Stützpunktes akzeptieren. Schon militärisch macht das kaum Sinn, und erst recht nicht menschlich. Eine Stationierung auf Tokunoshima muss als Höchststrafe gelten, denn außer 80 Kilometer Küstenlinie hat die von 27 000 Menschen bewohnte Insel meines Wissen nichts zu bieten. Die Insel würde sich gut als Häftlingsinsel eignen. 

Hitzig: Japans Regierung streitet über Revision der Postprivatisierung
Der gestern vom Kabinett vereinbarte Gesetzentwurf zur Revision der Postprivatisierung löst einen Streit in der Regierung aus. Strategieminister Yoshito Sengoku forderte eine weitere Diskussion der Einlagenobergrenze, die Finanzwesenminister Shizuka Kamei auf 20 Millionen Yen verdoppeln will. Er befürchtet, dass dadurch den Banken ein Wettbewerbsnachteil gegen die riesige Postbank entsteht. Kamei lehnt jedoch jede Veränderung am Gesetzentwurf ab.
* Sengoku drückt damit das wachsende Unbehagen der eher neoliberalen Reformkräfte in der DPJ mit dem Kurs von Premier Yukio Hatoyama und Kamei aus. Sie befürchten, dass unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit ihrer Ansicht nach notwendige Deregulierungen nicht nur nicht angepackt, sondern sogar bestehende Liberalisierungsmaßnahmen zurückgedreht werden könnten.
 
Unternehmen
Geizig: Toyota überlegt Reorganisation der heimischen Fabriken
Um Kosten zu senken, überlegt Toyota, die Produktion von ähnlichen Produkten seiner verschiedenen Markten jeweils in einem Standort zu konzentrieren. Bisher liefen beispielsweise Daihatsus in Daihatsu-Fabriken vom Band. 

Tech-Blog: Warum Japan weiter an der Brütertechnik brütet

Ein Leser meines Blogs auf Technology Review über Bill Gates's Atomprojekt TerraPower und den Monju-Reaktor  beklagte sich gestern, dass ich keine Gründe für Japans Festhalten an der Brütertechnik aufgeführt hätte, die die Kosten in den Augen der Planer rechtfertigen würden.

Das stimmt und hat einen Grund. Mit einer Wirtschaftslichkeitsrechnung kommt man bei einem Zeitrahmen von 40 Jahren (von heute aus gerechnet) und von 70 Jahren (von der Baugenehmigung für Monju aus gerechnet) bis zum erhofften Start der Kommerzialisierung der Technik im Jahr 2050 nicht weit.

Kein wirtschaftlich denkender Kraftwerksbetreiber ist bereit, die Technik aus eigener Kraft zu entwickeln. Selbst die Franzosen sind ausgestiegen. Es handelt sich daher m.E. nur um eine strategische Entscheidung, die sich nicht direkt in Geld aufwiegen lässt. Darum habe ich im Blogeintrag darauf verzichtet, liefere aber hier gerne ein paar Gründe nach, die auch im Forum zum Blog nachzulesen sind:
(Eine Chronik des Monju-Reaktors gibt es weiter unten im Blog oder direkt hier...)

1. Industriestrategie: Japans Regierung will den drei lokalen Kraftwerksbauern Know-how auch in der Brütertechnik verschaffen. Solange kein anderes Land in die Technik wieder einsteigt, sind Japans Hersteller die einzigen weltweit, die über Know-how in allen Reaktortypen verfügen. Japan betreibt auch einen experimentellen Hochtemperaturreaktor. Der Weltmarkt lockt.

2. Energiestrategie: Japans Regierung will durch den Ausbau der Atomkraft und ab 2050 durch Brutreaktoren die bisher hohe Abhängigkeit von Energieimporten senken.  Dazu versucht das Land, den nuklearen Brennstoffkreislauf zu schließen, siehe Monju und die  Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho (eine weitere müsse noch gebaut werden, da Rokkashos Jahreskapazität
von 800 Tonnen nicht ausreicht, um die jährlich anfallenden 1000 Tonnen an abgebrannten Nuklearbrennstoff wiederaufzubereiten, sagte gestern der Vorsitzende von Japans Atomenergiekommission Shunsuke Kondo).
Plutonium genug hat das Land ja inzwischen aufgehäuft (wie im Blog beschrieben). Und durch schnelle Brüter könnte das Land immer weiter spaltbares Material erzeugen, das vorhandene Material deutlich effektiver nutzen  und so seine Energieversorgung auf Jahrhunderte sichern. (Kondo betonte heute im Gespräch, dass Leichtwasserreaktoren nur ein Prozent des Potenzials von Uran nutzen würden, schnelle Brüter hingegen 70 bis 80 Prozent.)
In einem ersten Schritt will Japan das Plutonium in Mox-Brennelementen (Mox steht für Mischoxid) in Leichtwasserreaktoren verfeuern und die abgebrannten Brennstäbe zwischenlagern, bis die schnellen Brüter ab 2050 ans Netz gehen. Bis 2100 sollen die schnellen Brüter etwa 70 Prozent des Stroms produziern, entnehme ich einer von Kondos Grafiken.

3. Klimapolitik: Die Atomlobby glaubt, dass Japan nur mit Hilfe der Atomkraft die CO2-Senkungsziele der neuen Regierung (bis 2020 minus 25 Prozent im Vgl. zu 1990) erzielen kann. Acht Prozent sollen vom Ausbau der Atomkraft stammen (neun neue Reaktoren, Anhebung der
Kapazitätsauslastung von derzeit 60 auf 80 Prozent). Bis 2030 soll der Anteil der Akws an der Stromerzeugung von derzeit 30 auf 49 Prozent ausgebaut werden, so Kondo.

4. aber darüber spricht man nicht offiziell, Militärstrategie: Japans Aussenpolitik beruht zwar seit den 1960er Jahren auf den drei nichtnuklearen Prinzipien (weder Atombomben zu entwickeln, zu produzieren noch im Land zu stationieren). Aber das Land besitzt über das Know-how und die Raketen, innerhalb kurzer Zeit zu einer Atommacht aufzusteigen. Ob es sich um Wochen, Monate, ein Jahr oder mehrere Jahre handelt ist umstritten, nicht aber die Möglichkeit.
Dazu wird die atomare Bewaffnung immer offener diskutiert. Selbst ehemalige Ministerpräsidenten haben inzwischen gesagt, dass Japan trotz seiner pazifistischen Verfassung auch Atombomben besitzen dürfte - als Verteidigungswaffe.

Nun denn, was kann man noch dagegen einwenden?
1. Da ist das leidige Problem mit der Entsorgung. Die ist nicht ansatzweise gelöst. Bisher hat sich keine Gemeinde in Japan freiwillig gemeldet, um sich als Endlagerstätte anzubieten. Bei 54 Atommeilern im Land wird das langsam zum Problem. Aber der Marianengraben ist nicht weit.

2. Sicherheit: Eine Kernschmelze hat nun mal auf die Bewohnbarkeit der Umgebung akut eine andere Auswirkung als die Explosion eines Kohlekraftwerks oder ein Kurzschluss in einem Solarkraftwerk. In Japan gilt dies umso stärker, weil die Bevölkerung in wenigen Ballungsräumen hoch konzentriert wohnt.
Dass Japan das Land mit den meisten Erdbeben auf der Welt ist, darunter mehrere Regionen mit dem Potenzial von Beben der Stärke 8 und höher auf der Richterskala, erhöht das Risiko von Gaus gegenüber Ländern wie Deutschland beträchtlich (achja, nicht zu vergessen
Vulkanausbrüche, 40 heiße Schlote stehen hier glaube ich über die Inseln verteilt).
Dazu kommen natürlich noch die Verunreinigungen durch Wiederaufbereitungsanlagen. Aber Japan ist von jeder Menge Wasser umgeben, da hoffen die Planer wohl auf Verdünnung der Radioaktivität (bin mit aber nicht sicher, ob ich dann noch Fisch aus Nordjapan, besonders den von dortigen Fischern gefangenen edelsten Blauflossenthun, noch essen möchte, nachdem Rokkasho im Oktober 2010 - so wenigstens der derzeitige Plan - losrecyceln wird).
Und auf die herrschenden Zweifel an der Gründlichkeit der Betreiber bin ich ja im Blog eingegangen.

3. Kosten: Die Gretchenfrage ist natürlich, warum der Staat nicht für ähnlich viel Geld in die technische Entwicklung von alternativen Energien wie der Sonnenenergie und  Wasserstoffwirtschaft, neue Stromnetze oder das Energie sparen pumpt, wo durch wodurch vielleicht technische Sprünge ermöglicht werden würden, die die Abhängigkeit von relativ gefährlichen Techniken wie der Atomkraft senken könnten. Besonders in einem Land wie Japan, das - siehe oben - oft von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht wird, macht das m. E. schon Sinn.

Mittwoch, 24. März 2010

eAuto: Uni-Start-Up will Autobauern Konkurrenz machen

Nano-Optonics, ein kleines Uni-Start-up aus Kioto will im kommenden Jahr mit der Herstellung von eAutos beginnen. Dies wäre der erste Neueintritt eines fachfremden Unternehmens in die japanische Autoindustrie in der jüngeren Geschichte.
* Dieser Fall verdeutlicht die große Herausforderung, vor die Elektroautos die angestammten Autobauer stellen. Durch den Wegfall des technisch komplizierten Verbrennungsmotors, der bisher die größte Eintrittshürde für Neulinge darstellt, haben es neue Unternehmen leichter, in den Markt vorzustoßen. Experten erwarten daher eine
Vielzahl neuer Gesichter in dem Markt.
Die offizielle Pressekonferenz soll am 29.3. stattfinden. 

Tech-Blog: Chronik des Schnellen Brüters Monju







BRANDNEU MONJU-START VERSCHIEBT SICH
Der Neustart des schnellen Brüters Monju verschiebt sich Japans schneller Brüter Monju wird wegen einem politischen Fingerhakeln zwischen der Präfektur- und der Zentralregierung nicht wie geplant Ende März wieder in Betrieb genommen werden können. Dies erklärte heute der Chef der japanischen Atomkommission Shunsuke Kondo. "Erwarten Sie nicht, dass das Problem bis Ende März gelöst ist", so Kondo.
Ein konkretes Datum für die in Inbetriebnahme des japanischen Prestige-Meiler nach 15 Jahren unfallbedingter Zwangspause vermag derzeit keiner der Beteiligten zu nennen. Denn der Gouverneur will nach Insideraussagen seine Zustimmung gegen Zugeständnisse der Regierung wie einen Schnellzuganschluss verkaufen.


Im wöchentlichen Blog auf Technology Review, der diesmal aus aktuellem Anlass am heutigen Mittwoch erscheint, schreibe diesmal über Japans Schnellen Brüter Monju, den die Regierung noch diesen Monat nach 15 Jahren Pause wieder in Betrieb nehmen will. Hier gibt es eine Chronik über die Entwicklung der japanischen Atomindustrie.


Monju ist derzeit der einzige Schnelle Brüter weltweit, der Plutonium verwendet. Für Atomkraftfans ist er ein Hoffnungsträger, denn verspricht nahezu unerschöpfliche Energiereserven. Nur macht die Technik ihrem Namen keine Ehre: Sie hat sich extrem langsam entwickelt. Ein Grund ist ein Unfall im Jahr 1995, in dem das Kühlmittel Natrium ausgetreten ist und ein Feuer verursacht hat. Seither steht der Reaktor still. Nach den jüngsten Visionen wird die Kommerzialisierung der Technik 70 Jahre später als ursprünglich geplant stattfinden.
Durchaus möglich, dass Bill Gates den Japanern mit dem Laufwellenreaktor seines Atom-Start-up TerraPower bis dahin die Suppe versalzt. Nun ja, glücklicherweise könnten die Japaner die Suppe selbst auslöffeln, da TerraPower nach vertrauenswürdigen Informationen bei der Entwicklung des Reaktors mit Toshiba zusammenarbeiten will wie mein gestriger Blogeintrag kurz notiert. 


Hier eine kurze Chronik des japanischen Atomprogramms. Einträge mit Bezug zum Monju-Reaktor sind rot gefärbt.


1954   Im Jahr 1954 startet Japan sein Programm zur friedlichen Nutzung der Atomenergie.


1955   Das erste Atomenergiegesetz tritt in Kraft.


1956   Japan beschließt den ersten Plan zur Erforschung, Entwicklung und Nutzung der Atomenergie. Die Brüter-Technik nimmt in der Vision eine wichtige Rolle ein. 


1961   2. Fünf-Jahresplan setzt 1980er Jahre als Zieldatum für die kommerzielle Nutzung der Brütertechnik. 


1963   Japan startet Asiens erstes Atomkraftwerk, ein 13-MW-Versuchsreaktor in Tokai/Präfektur Ibaraki, den Japan Power Demonstration Reactor (JPDR, 動力試験炉 Dōryoku shikenro). 


1965   nimmt der JPDR den kommerziellen Betrieb auf. Er wird er 1976 stillgelegt. In den folgenden Jahren, besonders in den 1970er Jahren treibt Japan den Ausbau der Atomenergie massiv voran.


1967   Die Regierung gründet einen Vorläufer der heutigen Betreibergesellschaft des Monju-Reaktors: Die Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation wird 1998 in Japan Nuclear Cycle Institute umbenannt und 2005 mit Japans Atomenergie-Forschungsinstitut zur japanischen Atomenergiebehörde (JAEA) zusammengefügt, die für den Betrieb einer Reihe von Versuchsreaktoren zuständig ist.


1969   Japan führt die erste erfolgreiche Urananreicherung durch.


1971   Die Wiederaufbereitungsanlage in Tokai nimmt den Betrieb auf.


1977   Der experimentelle Brutreaktor Joyo erreicht Kritikalität, dicht gefolgt von Fugen im Jahr drauf.


1979   Aufsehen erregender Atomunfall in den USA: Teilweise Kernschmelze im Reaktor in Three-Mile-Island, zwölf Tage nachdem der Film The China Syndrome mit Jane Fonda in die Kinos kam, in dem ein Super-Gau medial durchgespielt wurde.


1985   Grundsteinlegung für den Schnellen Brüter in Monju.


1986   Tschernobyl-Unfall: Der bislang schwerste Atomunfall der Welt gibt der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland Auftrieb. Japans Regierung hingegen treibt ihre Atompläne unbeeindruckt voran. Der Bau des Monju-Reaktors geht weiter. 


1993   Baubeginn der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho/Präfektur Aomori. Kritiker behaupten, die Anlage befinde sich in einer Region, in der Erdbeben der Stärke 8 auf der Richter-Skala auftreten könnten. Die Betreiber halten nur Erdbeben der Stärke 6,5 für möglich und behaupten, dass die Anlage für eine Stärke 6,9 ausgelegt sei. Aber die offiziellen Annahmen haben sich in Niigata (siehe unten 2007) bereits einmal als falsch herausgestellt. Die Baukosten übersteigen nach mehr als einem Dutzend Startverschiebungen den Plan inzwischen mit 2200 Mrd. Yen (derzeit 18 Mrd. Euro) um das Dreifache. 


1994   Der Monju-Reaktor erreicht am 5. April 1994 erstmals Kritikalität. 


1995   Der Monju-Reaktor geht am 5. August zeitweise ans Netz.




1995   Drama in Monju! Am 8. Dezember 1995 bricht – glücklicherweise im sekundären Kreislauf – ein Rohr, dass das Kühlmittel Natrium transportiert. Mehrere hundert Kilogramm des hochreaktiven flüssigen Metalls treten aus und entzünden sich beim Kontakt mit der Raumluft. Die Temperatur erreichte mehrere hundert Grad. 19:30 Uhr geht der Alarm los, das System schaltet auf manuelle Kontrolle, doch es vergehen volle 90 Minuten, bis die Abschaltung des Reaktors angeordnet wird. Für Proteste sorgten allerdings die Vertuschungsversuche der Betreibergesellschaft, die unter anderem mit einem zensierten Video das Ausmaß des Unfalls verheimlichen wollte. Das Video findet sich hier:



1997   Unfall! Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai.


1999   Schwerster Atom-Unfall Japans: In einem Betrieb zur Bearbeitung von nuklearen Brennstoffen in Tokai-Mura rühren Arbeiter eine zu große Menge von spaltbaren Uran in einem ungeeigneten Container zusammen. Eine Kettenreaktion entsteht, mehrere Arbeiter werden verstrahlt. 


2000   Japans Regierung kündet die Wiederinbetriebnahme des Monju-Reaktors an.


2002   Japans Atomindustrie wird von einem Skandal über gefälschte Untersuchungsberichte erschüttert. Inspektoren von Tokios Stromversorger Tepco hatten Risse in 13 von 17 Reaktorbehältern vertuscht. Tepco musste daraufhin seine 17 Atomkraftwerke stilllegen.


2003   Ein Gericht in Nagoya erklärt die Baugenehmigung für den Monju-Reaktor aus dem Jahr 1983 für nichtig. Der Jubel der Kernkraftgegner ist nur von kurzer Dauer, siehe 2005.


2004   Unfall! Bei einem Leck in einer Dampfleitung des Akw Mihama sterben fünf Arbeiter. In den Untersuchungen kommt heraus, dass Kraftwerksbetreiber und Aufseher es an ernsthaften systematischen Inspektionen haben mangeln lassen.


2005   Japans Oberster Gerichtshof widerruft das Monju-Urteil. Die Arbeit am Prestigeprojekt kann weitergehen.


2007   Erdbeben unter dem größten AKW der Welt, dem Meiler-Park Kashiwazaki-Karima in der Präfektur Niigata. Die Region wird von einem Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschüttert. Die Stärke ist deutlich stärker als im Bauplan als größtes anzunehmendes Beben zugrunde gelegt wurde. Zudem stellen Geologen fest, dass das Akw wie von Kritikern behauptet auf einer geologisch aktiven Verwerfung steht, deren Existenz von den Betreibern über Jahre geleugnet wurde. Das AKW wird zeitweise abgeschaltet. Doch letztlich ist der Schaden gering. Auch unter dem Monju-Reaktor verläuft nach neueren Analysen eine aktive Spalte, die die Initiatoren bei Projektbeginn ausgeschlossen haben.


2008   Der für 2008 geplante Neustart von Monju wird wiederholt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. 


2010   Im Februar 2010 gibt Japans Regierung grünes Licht für die Inbetriebnahme des Monju-Reaktors.


2010   Ende März soll der auf drei Jahre angelegte Testlauf starten. Drei Stufen sind geplant: Überprüfung des Reaktorkerns, 40-prozentige Last und später Tests zur Steigerung der Reaktorleistung. 


2013   Monju soll unter Betrieb unter Volllast aufnehmen. 


2015   Nach dem 2006 vorgelegten Atomenergieplan soll 2015 eine Vision für die Kommerzialisierung der Schnellen Brüter-Technik vorgelegt werden.


2025   soll der erste Demonstrationsreaktor die Wirtschaftlichkeit der Technik beweisen.


2050   Kommerzielle Brüter aus Japan sollen die Energieprobleme der Welt lösen helfen.


Für besorgte Seelen empfehle ich ein patriotisches Ruhekissen, das glückselige Träume verspricht.

Die Newsliste: Mittwoch, 24.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:

Neue Regierung dreht Postprivatisierung zurück
Japans neue Regierung nimmt dem größten Reformvorhaben des legendären Ministerpräsident Junichiro Koizumi den Biss. Anstatt sich für eine volle Privatisierung auszusprechen, beschloss die Regierung von Ministerpräsident Yukio Hatoyama heute, eine ein Sperrminorität von mindestens einem Drittel an der Post zu halten. Außerdem soll die Obergrenze für Spareinlagen auf 20 Millionen Yen verdoppelt und die Postbank universelle Bankdienste anbieten.
Die Öffnung der Poststrategie ist ein Schlag ins Gesicht der Banken. Denn die Postbank gleicht mit Vermögen von 300 000 Yen und dem einzigen dichten landesweiten Filialnetz einem Wal im Karpfenteich (wenn man das so sagen kann). Viele Megabanken unterhalten in kleineren Städten keine Zweigstellen.

Als Grund für den Kurswechsel gab der Minister für Finanzaufsicht Shizuka Kamei, den Koizumi für seinen Widerstand gegen die Postprivatisierung aus der damals regierenden Liberaldemokratischen Partei geworfen hatte, strukturpolitische Notwendigkeiten an. "Regierungsunterstützung für die Post ist notwendig, damit die Post zu einer Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft beitragen kann", sagte Kamei. 
* Dies ist ein weiterer Schritt zur Besitzstandswahrung der bestehenden Kräfte. Durch die Kontrolle der Post halten die Politik und das Finanzministerium weiterhin die Ersparnisse der Japaner in Geiselhaft und können sie zum Kauf von Regierungsanleihen verwenden. Dies erlaubt es der Regierung, bei der Bewältigung des Schuldenbergs etwas Zeit zu kaufen. 
Beruhigend ist es allerdings nicht, da die eigentlichen Probleme nur schleppend angegangen werden. 

Nintendos portable 3D-Konsole belebt Aktienkurs
Nintendos Plan, eine portable 3D-DS auf den Markt zu bringen, die keine Brille benötigt, hat heute den Aktienkurs des Unternehmens Flügel verliehen. 
Die Anleger hoffen offenbar darauf, dass sich dadurch die zuletzt etwas lahmenden Verkäufe von Nintendos Videospielkonsolen wieder beleben. 
* Das Unternehmen will ganz offensichtlich von dem kommenden Boom an 3D-Inhalten in Kino und Fernsehen profitieren. Aber ich glaube nicht daran, dass das bei portablen Konsolen so viel Sinn macht, solange nicht auch die Bedienung dreidimensional stattfindet.


Und hier noch eine News aus Korea, weil sie so hübsch zu Daimlers Korruptionsproblemen passt.

Südkorea 
Samsung: Comeback nach Korruptionsskandal
Samsungs Patriarch Lee Kun-hee kehrt zwei Jahre nach der Verurteilung in einem Korruptionsskandal an die Spitze von Samsung Electronics zurück. 
* In Südkorea bleibt Korruption ein Kavaliersdelikt. Davon können deutsche Firmenchefs nur träumen. 

Dienstag, 23. März 2010

Bill Gates und Toshiba brüten an AKW-Pakt

Bill Gates` Start-up TerraPower und Toshiba planen neuen Brüterreaktor

Die Nachricht sorgte für Aufregung in Japans Atomindustrie. Das von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützte Atom-Start-up TerraPower will mit Toshiba bei der Entwicklung eines neuartigen Schnellen Brüters zusammen arbeiten, der nur einmal gefüllt werden muss und dann bis zu hundert Jahre kontiniuierlich laufen kann. Durch einen Entwicklungspakt mit Toshiba hofft das Unternehmen demnach, die Expertise für ein kommerzielle Version dieses Akw zu erhalten. 
Der "Laufwellenreaktor" genannte Typ gilt als eine viel versprechende Alternative zu herkömmlichen Schnellen Brütern wie Japans Monju-Reaktor, den die Regierung in den kommenden Tagen erstmals seit 15 Jahren wieder in Betrieb nehmen will. Denn erstens benötigt er nur eine kleine Menge von spaltbaren Uran-235 und verwandelt ansonsten nichtwaffenfähiges Uran-238 automatisch in Plutonium. Dies senkt die Gefahr der Verbreitung von Atombomben. Zweitens entfällt durch die einmalige Befüllung der Austausch und die Zwischenlagerung von Brennelementen, die nicht nur teuer, sondern auch riskant sind.
Der Pakt unterstreicht den Willen der japanischen Kraftwerksbauer, in der globalen Wiedergeburt der Atomkraft die Führung zu übernehmen. Weltweit erwarten Experten den Neubau von mehr als 50 Reaktoren vor allem in Schwellenländern. Dies sind mehr Reaktoren als Japan seit dem Start seines ersten Reaktors in den 1960er Jahren errichtet hat. Dabei fühlen die Japaner allerdings den Atem der Konkurrenz im Nacken. So hat der Newcomer Südkorea sich gerade einen Großauftrag für den Bau von Akws im Nahen Osten gesichert. 

Die Newsliste: Dienstag, 23.3.2010

Sporadisch, * subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die News vom Tage:

Toshiba - A wie Atomkraftwerk, C wie Chipfabrik
In Ergänzung zur Meldung, dass Bill Gates' Start-up TerraPower mit Toshiba bei der Entwicklung eines kommerziellen Laufwellenreaktors zusammenarbeiten wollen (siehe hier...), hat der japanische Elektronikkonzern heute angekündigt, 350 Mrd. Yen (fast drei Mrd. Euro) in den Bau eines neuen Nand-Speicherchipwerks zu investieren.
* Ich bewundere Japans überlebende Mischkonzerne immer wieder. Wie können sie in der heutigen Zeit ohne Kerngeschäft noch überleben? Aber halt, habe ich ja ganz vergessen, alles dreht sich bei Toshiba irgendwie um Strom, nicht wahr? Erzeugen und verbrauchen, das ist die Klammer. Hach, da bin ich jetzt aber beruhigt.


Mitsubishi Motors hebt Ausstoss von eAutos an
Nach einem Bericht der Zeitung Yomiuri plant Mitsubishi Motors für 2011 eine Verdreifachung seiner eAuto-Produktion auf 30000 Stück. Ein Großteil der Produktion dürfte an den französischen Hersteller PSA Peugeot Citroen gehen, mit denen Mitsubishi Motors jüngst einen Liefervertrag über 100000 eAutos abgeschlossen hat.
* Die Wette läuft. Wenn die eAutos sich als evolutionäre Sackgasse entpuppen, war es das wohl auch für Mitsubishi Motors. 

Montag, 22. März 2010

Sweet Dreams with the Patriotic Pillow - and other fun stuff from the Japanese Self Defense Forces

Patriotismus kann sich in vielfacher Weise ausdrücken. Einige nette Beispiele gibt es bei Japans Selbstverteidigungskräften zu bewundern. 
Hier ist zum Beispiel ein patriotisches Kissen, das wohl süsse Träume verschaffen soll. Im Stile einer Fahrkarte steht auf dem Kissen: Von Patriotismus nach Glück.
Das gleiche gibt es auch als Schlüsselanhänger, nur dass man den auch mit Reise-, sprich Geburtsdatum kaufen kann. Sein Preis beträgt allerdings nicht 220 Yen, sondern irgendetwas um 500 Yen.


Auch Wein darf nicht fehlen. Das ganze erinnert mich an den Devotionalienhandel in Fussballclubs. Aber soll das breit gefächerte militärische Weinangebot nahe legen, dass sich japanische Piloten Mut antrinken müssen, bevor sie in ihre Kampfflugzeuge steigen? Wie dem auch sei, zum Wohle der Soldaten hoffe ich nur, dass der Wein nicht aus Hokkaido kommt. Das wäre wie Wein aus Stockholm.
Es geht natürlich auch noch eine Nummer härter. Hier richtiges Zielwasser mit ein paar Umdrehungen mehr.
Dies ist einer von zwei Regierungsjumbos. Er transportiert Kaiser, Regierungschefs, Minister und Truppen auf humanitären Missionen.
Das beste zum Schluss:
Das salutierende Toilettenzeichen. Japans Selbstverteidigungsbeamte zeigen sich erfinderisch, wenn es darum geht, Hingabe zu ihrem Land zu beweisen. Mit ein wenig Klebeband haben sie zivilen Toilettenzeichen militärische Sitten beigebracht.
Das funktioniert natürlich auch beim Männerklo.

Donnerstag, 18. März 2010

Tech-Blog: Krieg ohne Tote

Bei meinem Besuch der japanischen "Selbstverteidigungskräfte" in Chitose (auf Hokkaido) bin ich über eine Hightech-Trainingsuniform gestolpert, die ich - mutwillig pazifistisch interpretiert - in meinem heutigen Blogbeitrag auf Technology Review zum ultimativen Friedensstifter stilisiere - oder anders ausgedrückt zum Instrument für gesellschaftlich und ökologisch nachhaltige Kriegsführung. Denn wenn wir alle Soldaten der Welt mit diesen Uniformen ausrüsten würden, könnten wir (als Vorstufe zu ihrer vollständigen Überwindung) Kriege ohne Tote führen.
Die Weste und der Helmüberzug sind übersät mit Sensoren, die die Laserimpulse von Trainingswaffen aufzeichnen.
Die Soldaten sind natürlich vernetzt mit dem Hauptkommando. 
Hier sind der Helmüberzug und die Weste aus der Nähe zu sehen. Es folgen zwei weitere Detailaufnahmen:
Hier der Helmüberzug: Das LED-Blinklicht zeigt für die Umgebung an, wie ernst der Kamerad verwundet ist. 
Und hier das Status-Display: Links ist erst das Männchen, das den Ort der virtuellen Verwundung anzeigt. Darunter steht "Kontrolle" (wobei mir unklar ist, wofür dieses Feld steht). In der rechten Reihe geht es los mit "Einstellungen", gefolgt vom Batteriestatus und dann den Feldern "Tod", "schwer verwundet", "leicht verwundet" sowie zwei Feldern, deren Bedeutung mir nicht ganz klar ist: "wirkungslos" und "Nähe". 
Übrigens (für den Fall, dass einigen Lesern die Ironie entgangen ist): Mir ist natürlich bewusst, dass Soldaten mit Westen dieser Art im Frieden die Tötungsroutinen für einen heißen Krieg besser einüben sollen. Aber wäre es nicht schön, die Weste umzudeuten?